Journalismus kann auch den Urlaub finanzieren

Journalisten, emanzipiert euch!

Während Journalisten seit Monaten über die Zukunft des Journalismus diskutieren, schließen sich Medienmanager zusammen, um – dem Leistungsschutzrecht sei dank – Geld von Google abzugreifen. Vergessen wird allerdings, dass niemand Verleger benötigt, für die Journalisten sich prostituieren müssen, und dass Medienunternehmen mit Klagen und digitaler Abschottung nicht überleben werden. Einige Gedanken zum Digitaljournalismus.


Leistungsschutzrecht (LSR): Weiterführende Informationen gibt es am Textende.


Ursprünglich wollte ich in diesem Blogbeitrag auf die aktuelle Situation des Journalismus eingehen, um anschließend meine Gedanken zum Digitaljournalismus vorzustellen. Da es jedoch ausreichend Texte und Veranstaltungen gibt, die sich dem Thema widmen (siehe ausgewählte Links am Textende), kann ich mir eine Analyse und Ihnen Zeit sparen.

Ich kann, ohne mich über die Selbstgefälligkeit einiger Journalisten und Medienmanager aufzuregen, nun meine Gedanken vorstellen,

Deshalb sind einige wenige Parallelen zu journalistischen Projekten rein zufällig, beispielsweise zum jüngsten Crowdfunding-Projekt Krautreporter oder zum Nachrichtenmagazin HH-Mittendrin, das es seit September 2012 gibt.

Journalismus kann auch den Urlaub finanzieren
Hungertuch war gestern, Journalismus kann auch den Urlaub finanzieren!

Digitaljournalismus ersetzt Verleger, Dienstleister erstellen Print-Produkte

Meine Gedanken zum Digitaljournalismus lassen sich in vier Thesen zusammenfassen:

  1. Journalisten werden zu Verlegern, indem die zahlreichen freien Journalisten sich deutschland- und weltweit zu einer eigenen Unternehmung zusammenschließen.
  2. Künftig gibt es nur noch Digitaljournalismus. Printjournalismus ist nicht tot, sondern wird zum Nebenprodukt, das überwiegend Dienstleister erstellen und vertreiben.
  3. Digitaljournalismus konzentriert sich auf fundierte Hintergrundberichte und investigative Beiträge. Nachrichten stehen nicht im Fokus, sondern runden das journalistische Angebot ab.
  4. Suchmaschinen, soziale Netzwerke und andere Tools sind Freunde des Digitaljournalismus, keine Feinde! Digitaljournalismus bindet die Crowd, also die User, eng ein, und bedient sich der technischen Möglichkeiten.

Zu 1: Früher haben Verleger unter anderem die Produktionsmittel, wie Druckmaschinen, Computer oder Vertrieb, bereitgestellt, um ein journalistisches Erzeugnis produzieren und vertreiben zu können. Heute, im Digitalzeitalter, besitzen Journalisten die notwendigen Produktionsmittel weitgehend selbst, wie Computer mit Internetzugang für die Produktion, Blog als Medium und Social Web als Vertriebskanal.
Einige Journalistinnen nutzen genau diese Produktionsmittel, um sich als journalistische Marke zu positionieren und Aufträge zu akquirieren. Doch diese einzelnen journalistischen Marken oder kleineren Zusammenschlüsse können

  • weder die Branche reformieren, also gegen die großen Medienkonzerne und deren Unternehmenspolitik angehen,
  • noch die anhaltend miese Branchenstimmung, wie es journalistisch weitergeht, in Richtung einer Bob-der-Baumeister-Haltung – „Yo, wir schaffen das!“ – steuern.

Deutschland- und weltweit gibt es viele freie Video-, Foto-, Text-, Audio- und Grafikjournalisten, von denen sich etliche zusammenschließen und eine Unternehmung gründen, die ein digitales Medienangebot betreibt und für Einkommen sorgt. Wie eine „journalistische Digitalgenossenschaft à la Winzergenossenschaft“ aussehen könnte, stelle ich weiter unten vor. Dass so etwas funktionieren kann, beweist die „Tageszeitung Verlagsgenossenschaft“ seit 22 Jahren.

Zu 2: Die Trennung von Print- und Onlinejournalismus und die Diskussion drum herum sind fruchtlos, weil die Digitalisierung voranschreitet: Sie nimmt keine Rücksicht auf den Print-Online-Graben, den Journalisten zusammen mit Verlegern geschaffen haben.
Ich spreche von Digitaljournalismus, um vom Begriff Onlinejournalismus wegzukommen, mit dem überwiegend die Verlags-Webauftritte verbunden sind. Selten wird Online-Journalismus mit digitalen Erzeugnissen für Smartphones und Tablet-PCs assoziiert. Das liegt daran, dass für die digitalen Endgeräte oft eine Eins-zu-Eins-Kopie eines Printprodukts und der Website verwendet wird.
Digitaljournalismus nutzt hingegen die Möglichkeiten, die Digitalisierung bietet: Audio, Video, Bilderstrecken, animierte Grafiken, Verlinkungen, User-Interaktion und Text. Diese multimedialen journalistischen Beiträge werden in allen digitalen Kanälen gespielt, die es gibt und geben wird, wie Desktop-PC, Smartphone und perspektivisch das Display an der Kühlschranktür, über das man seine Einkaufsliste an den Supermarkt schickt.
Ich rechne nicht damit, dass journalistische Printerzeugnisse sterben. Sie werden stark zurückgehen und sich wie die Schallplatten in einem Nischenmarkt halten. Dienstleister werden daher für Kunden maßgeschneiderte Printerzeugnisse erstellen, die sich aus den Beiträgen des Digitaljournalismus speisen. Maßgeschneiderte Printerzeugnisse können täglich, wöchentlich oder monatlich erscheinen, ein Ressort oder mehrere Ressorts umfassen usw. Digitaljournalisten verdienen an Print mit, sind jedoch nicht auf die Einnahmen angewiesen.

Zu 3: Nachrichten lassen sich in einer digitalen Welt, in der Millionen Menschen Neuigkeiten verbreiten können, nicht monetarisieren. Eine Digitalwelt ohne Nachrichten wird es nicht geben. Doch Millionen Nachrichten sind zu viel, als dass sie der einzelne verifizieren und gewichten kann. Daher spielen auch Nachrichten im Digitaljournalismus eine wichtige Rolle, die, obwohl sie kein Einkommen generieren, weiter Bestandteil eines journalistischen Angebots bleiben.
Mit Hintergrundberichten und investigativen Recherchen bündeln Digitaljournalisten die rasanten Informationsströme für ihre User bzw. Nutzer. Das Wort „Leser“ passt nicht in die Digitalwelt; denn schließlich werden weder Audiodateien noch Videos gelesen.
Dank der Digitalisierung können aus einer Nachricht, die über einen Ticker läuft, eine Reportage, eine Ergänzung bei Wikipedia und mit der Zeit ein Themen-Dossier entstehen. Für kleine Änderungen müssen Digitaljournalisten keinen neuen Beitrag produzieren, sondern sie aktualisieren bestehende Beiträge, deren Änderungen durch Versionierung transparent bleiben. So gewinnen Digitaljournalisten Zeit, um Beiträge zu produzieren, die echte Neuigkeiten, ein völlig neues Thema oder einen neuen Ansatz für ein Thema enthalten.

Zu 4: Suchmaschinen und soziale Netzwerke sind der Zugang zum journalistischen Digitalangebot. Statt solche Angebote zu verteufeln, nutzt Digitaljournalismus das Potenzial für sein Business. Digitaljournalisten übernehmen Marketing und Vertrieb, indem sie journalistische Beiträge in sozialen Netzwerken teilen, dort mit Usern diskutieren und User für neue Themen und Kritik sowie als Informanten einbeziehen.
Digitaljournalistinnen beachten einige wenige Regeln für Suchmaschinen, damit Suchende die journalistischen Beiträge möglichst weit oben in der Suchtrefferliste von Suchmaschinen finden. Digitaljournalismus braucht also kein großes SEO-Segment (Search Engine Optimization), sondern eine Vorstellung, wie man Texte im Digitalen auffindbar gestaltet.
Das journalistische Digitalangebot besitzt keine eigene Suchmaschine, sondern nutzt gängige Suchmaschinen — also deren unschlagbare Power — für die Suche auf dem journalistischen Digitalangebot.

Ein mögliches journalistisches Digitalangebot

Thesen klingen oft schön, sind meist kaum greifbar. Deshalb versuche ich im Folgenden, ein mögliches journalistisches Digitalangebot zu konkretisieren. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Nachrichten-Ticker
Ein mögliches journalistisches Digitalangebot umfasst einen Nachrichten-Ticker, der sehr viele Nachrichten enthält, die von Nachrichtenagenturen, Journalisten und Usern (Verifikation durch Journalisten) stammen. User können den Nachrichten-Ticker per Filter auf Themen, Themengebiete usw. einschränken und sich beispielsweise per Push-Meldung auf dem Smartphone informieren lassen. Darüber hinaus sehen User an der Nachricht, ob es zum Thema bereits journalistische Beiträge gibt und ob ggf. ein Journalist an einem Beitrag arbeitet. User können dort mit dem Journalisten bzw. der Redaktion in Kontakt treten, Informationen liefern oder Fragen beisteuern.

Übersicht der Beiträge, an denen Journalisten arbeiten
Neben dem Nachrichten-Ticker gibt es eine Übersicht, an welchen Themen Journalisten arbeiten. Denkbar ist, dass es außer einem Arbeitstitel auch eine kurze Beschreibung gibt, damit User mit ihren Informationen die Recherche unterstützen können. Die Redaktion bzw. die Journalisten arbeiten also transparent. Bei investigativen Recherchen oder heiklen Themen muss ggf. auf diese Transparenz verzichtet werden, damit u.a. der Informantenschutz gewährt werden kann.

Zeitstrahl clustert Themen
Journalistische Beiträge enthalten einen Zeitstrahl, über den User sehen, welche Beiträge es zum Thema gibt oder wie sich eine Nachricht zum umfangreichen Themen-Dossier entwickelt hat. Um Usern, die mit einem Thema nicht vertraut sind, einen schnellen Einstieg zu ermöglichen, gibt es eine kurze Zusammenfassung. Ein Zeitstrahl ermöglicht die gezielte Vertiefung von Themen. Außerdem kann ein User dort die Redaktion öffentlich darauf hinweisen, dass wichtige Aspekte fehlen. Unter Zeitstrahl kann man sich eine Themen-Timeline à la Ruhrnachrichten vorstellen (seit Dezember 2013).

Dialog mit Usern über soziale Netzwerke
Der Austausch mit den Usern erfolgt über die gängigen sozialen Netzwerke, die mit dem journalistischen Digitalangebot verbunden sind. D.h. jeder Digitaljournalist ist in den gängigen sozialen Netzwerken präsent und aktiv.

Bundesweite Plattform, journalistische Konkurrenz
Die Plattform ist ein flächendeckendes journalistisches Angebot, das aus verschiedenen Ressorts wie Politik, Wirtschaft und Sport besteht, deren Inhalte sich von “Bundesweit“ über „Regionen“ auf „Städte“ clustern lassen. Die beteiligten Journalistinnen schreiben, fotografieren, zeichnen, filmen oder podcasten je nach Themenschwerpunkt für einzelne Ressorts, Regionen oder Städte. Unter Umständen treten mehrere Journalisten zueinander in Konkurrenz. In diesem Fall bietet es sich an, Vereinbarungen untereinander zu treffen.
Beispiel: Es gibt 20 Politikjournalisten, von denen vier in Berlin sitzen und je zwei in Hamburg, München, Frankfurt, Stuttgart, Hannover, Bremen, Köln sowie Leipzig. So könnten die Berliner Journalistinnen über Bundespolitik und Berliner Politik berichten. Die beiden Hamburger Journalisten teilen sich politische Themen in der Hansestadt und in der Region. Sie produzieren in Absprache mit den vier Berliner Journalistinnen Beiträge zur Bundespolitik.
Ist eine Journalistin mit dem Beitrag eines Kollegen unzufrieden, kann sie natürlich in Absprache einen zusätzlichen Beitrag oder gar Kommentar verfassen. Diese Vielfalt bereichert nicht nur die Journalisten selbst, sondern auch diejenigen User, die ggf. mit einem Beitrag ebenfalls unzufrieden sind.
Gründe der Unzufriedenheit können unter anderem sein, dass wichtige Aspekte bei einem Thema fehlen, dass keine „echten“ Experten zu Wort kommen oder dass der Autor seine Meinung untermischt statt gesondert einen Kommentar zu verfassen.
Im Übrigen: Da die Plattform nicht nur aus geschriebenen Texten besteht, sondern auch Videos, Fotos, Grafiken oder Podcasts enthält, kann es weniger Konkurrenz geben, als dies auf den ersten Blick erscheint. So können Absprachen zu unterschiedlichen Formaten wie Text, Foto und Film die Qualität eines Beitrags deutlich erhöhen, als wenn jeder allein arbeitet. Außerdem muss nicht jeder Journalist alle Disziplinen perfekt beherrschen. Stattdessen führen die unterschiedlichen Stärken gepaart mit User-Feedback zum journalistischen Beitrag.

Soziale Netzwerke ersetzen Marketing und Vertrieb
Digitaljournalisten sind in den gängigen sozialen Netzwerken aktiv und weisen dort auf eigene und andere Beiträge hin. So kann Max, der über bestimmte innenpolitische Themen berichtet und in diesem Bereich auch Themenexperte ist, auf spannende Beiträge zu innenpolitischen Themen hinweisen, die Emma produziert. Zudem interessiert sich Max für Bienen und wirbt für entsprechende Beiträge. Max und Emma sind mit vielen Usern in den sozialen Netzwerken verbunden, die die Beiträge wiederum in ihren Netzwerken teilen werden, sofern sie von der Beitragsqualität überzeugt sind. Ggf. muss Max einen Beitrag überarbeiten, bevor die Community diesen tausendfach teilt.
Während Journalisten mit ihrer Arbeit in Verlagen beispielsweise Menschen in Marketing und Vertrieb durchfüttern und auch Kosten für Abo-Aktionen — für ein 24-Monats-Abo gibt es ein iPad, 100 Euro und einen Kugelschreiber – mittragen müssen, entfallen diese Ausgaben. Das eingesparte Geld fließt einerseits den Journalisten, andererseits dem Ausbau und der Weiterentwicklung der Plattform zu.

Offline Aktivitäten dienen Vermarktung
Allein auf den digitalen Vertriebskanal zu setzen, ist zu wenig. Deshalb müssen Journalisten Offline-Aktivitäten starten. Das könnten beispielsweise Gesprächsrunden in Kneipen sein, die Journalistinnen moderieren und live im Internet streamen. Sowohl das lokale als auch das globale Publikum können sich mit Fragen oder Kurzstatements beteiligen. Ziel solcher Aktivitäten ist es, auch offline auf das journalistische Digitalangebot aufmerksam zu machen.

Organisation
Auf Details zu geeigneten Unternehmensformen oder Rahmenbedingungen, die man steuerlich und juristisch beachten muss, möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen, weil es hier um einen groben Entwurf geht, der diskutiert werden soll!
Wie erwähnt gründen Journalisten ein Unternehmen. In meinem Beispiel greife ich auf Verein und Kapitalgesellschaft (GmbH) zurück. Alle beteiligten Journalisten treten dem Verein bei, der Gesellschafter der GmbH ist. Für den Vereinsbeitritt müssen die Journalisten einmalig einen Beitrag bezahlen, mit dem das Mindeststammkapital in Höhe von 25.000 Euro zusammenkommt. Darüber hinaus zahlen die Journalisten einen jährlichen Beitrag, der die Fixkosten der Unternehmung – vor allem in den ersten Jahren – decken und einen Bankkredit vermeiden soll. Die GmbH, mit der die Journalisten eine Geschäftsbeziehung eingehen (Beiträge gegen Bezahlung liefern), muss natürlich diese jährlichen Zahlungen der Journalisten schnellstmöglich refinanzieren. D.h. die Journalisten erhalten am Jahresende ihren jährlichen Beitrag zurück. Hinzu kommen monatliche Gewinnausschüttungen, die das Honorar darstellen (siehe Beispielrechnung weiter unten).
Die Journalisten wählen einen Geschäftsführer, der für einen bestimmten Zeitraum agiert und die Geschicke des Unternehmens in groben Zügen leitet. Bei gravierenden Entscheidungen werden alle Unternehmensbeteiligten einbezogen. So ist sichergestellt, dass Journalisten ihr Produkt weiter optimieren und auf Entwicklungen im Markt reagieren — und zwar professioneller als Manager, die weder Interpunktion beherrschen noch verstehen, was Journalismus ist. Ebenfalls fallen Journalisten raus, die sich der Digitalisierung verweigern, indem sie sich als Printjournalisten verstehen. Natürlich wird eine solche Unternehmung auch einige mitschleppen, die sich wenig für die journalistische Unternehmung engagieren. Sozialer Druck und Vergütung werden die Spreu vom Weizen trennen.

Arbeitsplatz
Journalisten arbeiten Zuhause oder in ihren angemieteten Büros. Technische Tools ermöglichen Redaktionskonferenzen und andere Absprachen.

Finanzierung
Das journalistische Digitalangebot finanziert sich über

  • Abo-Beiträge
  • Dienstleistungen
  • Werbung
  • Spenden und
  • ggf. Freundeskreis.

Zudem ist denkbar, dass User auch Zahlungen, also Spenden, für einzelne Journalisten tätigen, weil sie deren Beiträge gut finden (vgl. Prinzip Flattr). So können Journalisten zusätzlich Einnahmen über ihre „Fangemeinde“ generieren.

Unabhängigkeit
Redaktionelle Leitlinien, die öffentlich einsehbar sind, und die transparente Darstellung der Finanzierung, die über Abo-Erlöse hinausgeht, sollen die unabhängige Berichterstattung sicherstellen: So werden die Namen der werbenden Firmen und die mit der Werbung erzielten Einnahmen veröffentlicht, zuzüglich etwaiger Vereinbarungen. Bei Spenden von mehr als 500 Euro sind auch die Namen der Spender bekanntzugeben.
Unabhängigkeit ist keine persönliche Einstellung, sondern ein Siegel, das die User der journalistischen Plattform und einzelnen Journalisten zuschreiben. Deshalb ist es notwendig, dass auch Journalisten ihre privaten Aktivitäten offenlegen, wie Einnahmen durch Vorträge, Mitgliedschaften usw. Die User entscheiden anhand dieser Informationen, ob ein einzelner Journalist unabhängig ist und ob er, obwohl bei bestimmten Themen befangen, dennoch ausgewogen berichtet.

Reichweite, Skalierung, Dienstleistung
Das journalistische Digitalangebot umfasst Lokal- und Regionaljournalismus sowie Themen der Innen- und Außenpolitik, Wirtschaft, Politik, Feuilleton usw. Wichtig ist vor allem, dass das Angebot eine hohe Reichweite erzielt – neben Aktivitäten im Social Web braucht es daher auch Offline-Aktivitäten (siehe oben).
Darüber hinaus können auch Experten eingebunden werden, die bereits heute mit eigenen Blogs und Beiträgen sehr viele User erreichen. Diese Experten zeichnen sich dadurch aus, dass sie, obwohl sie eng mit dem Themenbereich verzahnt sind, über dieses fachlich fundiert berichten. Diese Experten erweitern nicht nur die Reichweite des journalistischen Digitalangebots, sondern auch ihre eigene.
Denkbar ist zudem, dass solche Experten Online-Vorträge halten, für die User zusätzlich bezahlen müssen. Ein Teil des Erlöses geht an die Plattform, der andere an den Referenten. Solche Dienstleistungen können eine journalistische Plattform abrunden. Die transparente Darstellung, wer der Experte ist, wie er über die Plattform mitverdient usw., helfen Usern zu entscheiden, ob solche Formen seriös sind und sich mit Unabhängigkeit vertragen. Das soll hierzu reichen.
Weitere Dienstleistungen, die das journalistische Digitalangebot abrunden können, wären Printerzeugnisse, wie wöchentliche Zeitung oder Themendossier, und digitale Produkte, wie eBooks oder Pressespiegel. Externe Dienstleister übernehmen diese Aufgabe und zahlen entsprechend dafür an das journalistische Digitalangebot (siehe auch oben).

Beispielrechnung für ein mögliches journalistisches Digitalangebot

Die folgende Beispielrechnung, die ich im Oktober 2013 erstellt und nun leicht modifiziert habe, soll eine mögliche Unternehmung veranschaulichen. Dies ist kein ausgefeilter Businessplan!

Die Beispielrechnung geht davon aus, dass 300 Journalisten dem Verein beitreten und mit der GmbH eine Geschäftsbeziehung eingehen.
Die Beispielrechnung geht davon aus, dass 300 Journalisten dem Verein beitreten und mit der GmbH eine Geschäftsbeziehung eingehen.

Der Verein bringt die 25.000 Euro Mindeststammkapital in die GmbH ein. Die restlichen 500 Euro bleiben beispielsweise in der Vereinskasse. Außerdem zahlt der Verein die 480.000 Euro in die GmbH ein, damit diese die voraussichtlichen Fixkosten decken kann (siehe nächste Tabelle).

Die Tabelle zeigt, welche Fixkosten in der GmbH enstehen können.
Die Tabelle zeigt, welche Fixkosten in der GmbH enstehen können.

Die einmalige Anfangsinvestition für eine technische Plattform und die Büroausstattung beziffere ich auf 1,5 Millionen Euro, die sich aus Gewinnen refinanzieren müssen. Ich gehe von einem Kredit in Höhe von 1,5 Millionen Euro aus, der monatlich über 10 Jahre zurückgezahlt werden muss. Der Zins beträgt 7 Prozent. Die monatliche Rate beträgt 17.250,50 Euro. Denkbar wäre auch, dass die Anfangsinvestition über Crowdfunding oder Sponsoring finanziert wird.

Mögliche Einnahmen (netto-Preise):
Das journalistische Digitalangebot könnte folgende Einnahmen generieren:

  • Kostenlos: alle Nachrichten, keine Registrierung notwendig
  • Kostenlos: alle Nachrichten plus 10 Beiträge, Registrierung notwendig
  • Zugriff auf alle Beiträge: 10 Euro monatlich, Laufzeit: monatlich
  • Kosten für einzelne Beiträge: einheitlich 1 Euro
  • Werbung
  • Sponsoring (z.B. bei den Offline-Veranstaltungen)
  • Spenden (auch an einzelne Journalisten möglich)

Denkbar wäre auch ein Förderverein, der die Arbeit unterstützt. Gäbe es 1.000 Mitglieder, von denen 900 einen Jahresbeitrag von 24 Euro und 100 von 60 Euro bezahlen, kämen rund 28.000 Euro jährlich zusammen. Damit es nicht zu kompliziert wird, verzichte ich an dieser Stelle auf diese mögliche zusätzliche Finanzierung.

Beispielrechnung (ab 2. Jahr jährlich)
Das erste Jahr klammere ich aus, weil User akquiriert werden müssen usw.

Die Tabelle zeigt, welche Einnahmen die GmbH im 2. Jahr generieren könnte.
Die Tabelle zeigt, welche Einnahmen die GmbH im 2. Jahr generieren könnte.

Jährlicher Gewinn pro Kopf, gleichmäßig – Variante 1
Der Gewinn wird pro Kopf gleichmäßig verteilt.

Die Tabelle zeigt, welcher monatliche Gewinn sich pro Kopf ergibt. Es leigen als Erlöse die Angaben aus der Tabelle "Mögliche Einnahmen - Variante 1" zugrunde.
Die Tabelle zeigt, welcher monatliche Gewinn sich pro Kopf ergibt. Es liegen als Erlöse die Angaben aus der Tabelle “Mögliche Einnahmen – Variante 1” zugrunde.

In der Realität wird der Gewinn wahrscheinlich nicht gleichmäßig pro Kopf ausgeschüttet, sondern z.B. nur zur Hälfte. Die zweite Gewinnhälfte wird per Schlüssel verteilt, beispielsweise nach einer Formel, die Klicks, Verweildauer und Beliebtheit im Social Web sowie Engagement innerhalb der Unternehmung berücksichtigt. Diese Aufteilung soll einerseits allen ein Grundeinkommen ermöglichen, weil alle den gleichen Jahresbeitrag bezahlen. Andererseits sollen jene, deren Beiträge gut laufen und die sich engagieren, belohnt werden (analog zu variabler Vergütung in der Wirtschaft).

Nun ist ein monatliches Einkommen von rund 596 Euro zzgl. variabler Vergütung viel zu gering. Gehen wir davon aus, dass die selbstständig tätigen Journalisten ein Einkommen von jährlich 72.000 Euro anstreben, müssten 22,08 Mio. Euro erwirtschaftet werden ([72.000+1.600 Einzahlung]*300 Journalisten).

Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten, auf diesen Betrag zu kommen: Preiserhöhung, mehr Abonnenten, Spenden und Werbung.

Die Einnahmen aus Variante 1 werden in dieser Tabelle modifiziert.
Die Einnahmen aus Variante 1 werden in dieser Tabelle modifiziert.

Jährlicher Gewinn pro Kopf, gleichmäßig – Variante 1
Der Gewinn wird pro Kopf gleichmäßig verteilt.

Die Tabelle zeigt, welcher monatliche Gewinn sich pro Kopf ergibt. Es liegen als Erlöse die Angaben aus der Tabelle "Mögliche Einnahmen - Variante 2" zugrunde.
Die Tabelle zeigt, welcher monatliche Gewinn sich pro Kopf ergibt. Es liegen als Erlöse die Angaben aus der Tabelle “Mögliche Einnahmen – Variante 2” zugrunde.

Mit den gemachten Veränderungen wären für einen selbstständigen Journalisten rund 6.000 Euro monatliches Brutto-Einkommen möglich – bei gleicher Pro-Kopf-Verteilung. Wird nur die Hälfte gleichmäßig verteilt, wären es immerhin rund 3.000 Euro.

Da die Werbeerlöse vielleicht etwas hoch sind, gibt es hier noch eine Rechnung, in der ich die 32 Mio. Euro Erlöse um 3 Mio. Euro Werbeeinnahmen reduziere.

Die Tabelle zeigt, welcher monatliche Gewinn sich pro Kopf ergibt. Es liegen als Erlöse die Angaben aus der Tabelle "Mögliche Einnahmen - Variante 2" zugrunde, allerdings ohne Werbeeinnhamen.
Die Tabelle zeigt, welcher monatliche Gewinn sich pro Kopf ergibt. Es liegen als Erlöse die Angaben aus der Tabelle “Mögliche Einnahmen – Variante 2” zugrunde, allerdings ohne Werbeeinnhamen.

Das monatliche Brutto-Einkommen sinkt ohne die 3 Mio. Euro Werbeerlöse um rund 600 Euro. Die fehlenden 3 Mio. Euro könnte man durch 12.500 zusätzliche Abos kompensieren. D.h. mit 135.000 Abonnenten, die jährlich 240 Euro bezahlen, könnte das journalistische Digitalangebot laut Beispielrechnung auch werbefrei betrieben werden.

Das war eine grobe Beispielrechnung, die lediglich die wirtschaftlichen Risiken und Chancen eines journalistischen Digitalangebots verdeutlichen sollte.

Ausgewählte Links zum Thema Journalismus:

Ausgewählte Links zum Thema Leistungsschutzrecht

Vielen Dank fürs Lesen und die Rückmeldungen: Andreas, Christina, Ira und Sebastian!

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