Mit “kollektivem Blog” auf Leistungsschutzrecht antworten

Es gibt verschiedene Wege, auf das geplante Leistungsschutzrecht, LSR, zu antworten: aufregen, abwarten, dagegen schreiben, eine Petition starten. Diese Wege hat die Netzgemeinde schon beschritten. Warum schaffen wir kein eigenes journalistisches Angebot, das auf das Leistungsschutzrecht für Presseverlage und die Schwerfälligkeit vieler Medienschaffender antwortet?

Deutschlandweit existiert ein Netz von freien Journalisten, die für Presseverlage Content gegen Honorar liefern. Häufig sind die Honorare niedrig, sollen die Autoren umfassende Nutzungsrechte dem Verlag einräumen.

Die Themen Honorar und umfassende Verwertungsrechte möchte ich an dieser Stelle nicht weiter vertiefen. Da Verlage meist Texte print und online verwenden möchten, ist es durchaus sinnvoll, dass diese sich umfassendere Verwertungsrechte geben lassen – natürlich muss das Honorar entsprechend angepasst werden. Weiterführende Links: Das Kleingedruckte, Erschienen in Mediummagazin, Ausgabe 12/2011; Gezwungen, sich zu verkaufen? Zur sozialen Lage von Journalistinnen und Journalisten, Bundeszentrale für politische Bildung, 10.7.12.

Ebenfalls deutschlandweit existiert ein Netz von Bloggern. Sie sind zum Teil Journalisten, zum Teil Experten für Strafrecht, Kundenservice oder Medien. Hier oder dort entwickeln sich neue Plattformen wie Meedia, The European oder Netzpolitik.org, die Content zu spezifischen Themen publizieren.

Meedia, seit Juli 2008 online, ein kostenloses Angebot zu Medienthemen: meedia.de
The European, seit September 2009 online, ein Debatten- und Meinungsportal, das es nun auch als gedruckte Ausgabe gibt: theeuropean.de
netzpolitik.org, 2002 gestartet, ein Blog und eine politische Plattform für Freiheit und Offenheit im digitalen Zeitalter: netzpolitik.org

Und nun ein Gedankenexperiment

Wir bündeln unsere bisherigen Netzaktivitäten, nutzen also die vorhandenen Netzwerke, und bieten ein deutschsprachiges journalistisches Angebot. Das könnte sich aus rebloggten Posts, aus zweitverwertetem Content oder nicht verwerteten Rechercheergebnissen und natürlich aus neuen Beiträgen speisen. Unter Content verstehe ich u.a. Text, Bild, Video, Audio.

Unique Selling Proposition, USP, dieses journalistischen Angebots wären zum Beispiel:

  • unique Content: Selbst wenn der Content zum Teil rebloggt oder zweitverwertet ist, bleibt er einzigartig und wird sich von den Agenturmeldungen deutlich unterscheiden. Die meisten Presseverlage pumpen Agenturmaterial in ihre Online-Plattformen, um mit Breaking News schnell bei Google News vertreten zu sein. Die Folge: Eine einheitliche Contentsoße, die am nächsten Tag nicht mehr schmeckt. Blogger hingegen und Qualitätsjournalisten springen nicht vorschnell auf den Mainstream an, sondern beobachten die Ereignisse, ordnen diese ein und reichern sie mit Hintergrundinfos an.
  • one face to the customer (ein Blog für den Kunden statt vieler Blogs): Der Content ist für eine breite Masse der User leicht zugänglich und eng verzahnt. Die User müssen nicht von einem Blog zum anderen springen, von einer Plattform zur anderen, sich durch eigene RSS-Abos wühlen oder Dopplungen bei Rivva in Kauf nehmen (wenn Rivva nicht die einzige Quelle ist, gibt es meist Überschneidungen). Autoren haben andere Autoren besser im Blick und können auf Beiträge reagieren, Gedanken vertiefen oder eine andere Perspektive einnehmen. User können Content bewerten, kommentieren und empfehlen. Aus der Summe lassen sich Content-Tipps für andere User generieren. Autoren können wiederum Themen, die beispielsweise stark diskutiert werden, weiter vertiefen.
  • new technology and trends (innovation): Beispielsweise würde die Plattform technologische Neuerungen sofort nutzen wie Google Hangsouts (für Konferenzen, Interviews, Diskussionen usw.) oder auf Trends reagieren wie zunehmender mobiler Konsum (z.B. Kombination von Geodaten und Informationen für Restaurants, Meetings, Veranstaltungen in der Nähe, Wanderwege, Audioguide, Ticketsystem).

Und die Finanzierung?

Auch hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, die natürlich nicht im Detail ausgearbeitet sind. So stellt sich u.a. die Frage, wie man die Beteiligten jeweils angemessen bezahlt.

  • Crowdsourcing wie Wikipedia oder OpenStreetMap
  • Foundation wie Mozilla
  • Gebühren und Spenden über Bezahlsysteme wie Flattr, Paypal etc.
  • Dienstleistern Content gebührenpflichtig zur Nutzung bereitstellen – in Apps, für Printmagazine etc.
  • Werbung
  • Fortbildung (kostenpflichtige Veranstaltungen über „Hangouts on Air“-Technologie etc.)
  • Gebühr für komfortable Verpackung (“sehr gute App”, “Top-Online-Plattform” usw. → kostenlose Basis-Version, kostenpflichtige Pro-Version).
  • Investoren

Warum ein eigenes journalistisches Angebot?

Es soll zeigen, dass Qualitätsjournalismus auch in einer digitalen Welt möglich und finanzierbar ist. Leistungsschutzrecht oder z.B. gerichtliche Auseinandersetzungen um eine Tagesschau-App bremsen den Fortschritt, blockieren Ressourcen für Qualitätsjournalismus und dessen Weiterentwicklung. Mit einem eigenen journalistischen Angebot aus der Netzwelt könnten wir zeigen, dass es auch anders geht: Qualitätsjournalismus ist in einer digitalen Gesellschaft zukunftsfähig und finanzierbar.

Schluss

Das waren jetzt mal so die Gedanken, die mir seit einiger Zeit durch den Kopf gehen. Jetzt kommen noch verschiedene Links zum Thema. Wie seht Ihr das, wie sehen Sie das?

 

Einige von zahlreichen Beiträgen – zu den eingangs erwähnten verschiedenen Wegen, auf das LSR zu reagieren:

Ein Gedanke zu „Mit “kollektivem Blog” auf Leistungsschutzrecht antworten

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