Blinder Agentur-Journalismus, keine Social Media-Kompetenz

Viele Medien setzen Nachrichtenagenturen ein, um schnell über Ereignisse aus aller Welt informiert zu sein und darüber berichten zu können. Doch blinder Copy-Paste-Journalismus und das Zusammenschreiben von unterschiedlichen Agenturmeldungen lässt eigenartige Nachrichten entstehen. Dabei könnten die zuständigen News-Redakteure und -innen ganz einfach aufs Social Web zugreifen und die Agenturmeldungen verifizieren oder sogar fundiert anreichern. Dafür mangelt es anscheinend an Kompetenz. Schade!

So sah zeitweise mein Desktop aus: mehrere Livestreams offen, dazu Tweets mit dem Hashtag EuroMaidan
So sah zeitweise mein Desktop aus: mehrere Livestreams offen, dazu Tweets mit dem Hashtag EuroMaidan

Was heute Nachmittag auf dem Euromaidan in Kiew geschah

Heute Nachmittag haben hunderttausende Ukrainer wieder in Kiew auf dem EuroMaidan demonstriert. Viele Demonstranten waren mit den Reden der Oppositionspolitiker unzufrieden, weil es zum einen bisher keinen gemeinsamen Protestanführer und zum anderen keinen Aktions- bzw. Handlungsplan gibt. Etwa gegen 15 Uhr unserer Zeit, 16 Uhr in Kiew, sind tausende Menschen vom Euromaidan Richtung Parlament gezogen, um dieses zu stürmen. Die Polizei hat das Regierungsviertel abgesperrt. Bis zur Stunde stehen sich dort Demonstranten und Polizei an einer Zufahrtsstraße gegenüber und liefern sich eine Straßenschlacht.

Klitschko hatte anfangs versucht, eine Eskalation zwischen Demonstranten und Polizei zu verhindern. Er wurde dabei mit Pulver aus einem Feuerlöscher attackiert und von Demonstranten ausgepfiffen. Letztlich konnte Klitschko die Demonstranten nicht überzeugen, von Gewalt abzusehen und zum Maidan zurückzukehren. Stattdessen zündeten Demonstranten mindestens einen Polizeibus an, bewarfen Polizisten mit Steinen, Feuerwerk und Molotowcocktails. Die Polizei setzte vor allem Tränengas und vereinzelt einen Wasserwerfer ein.

Was Medien übers Social Web hätten wissen können

Das war der Stand gegen 16.30 Uhr unserer Zeit. Ein Blick auf Twitter und in die verschiedenen Livestreams hätte jedem Redakteur / jeder Redakteurin gezeigt, dass die Auseinandersetzung noch voll im Gange ist und bis zur Stunde, 21.30 Uhr unserer Zeit, andauert! [Update: 20.01.2014, 1 Uhr unserer Zeit, 2 Uhr in Kiew] Die gewaltsame Auseinandersetzung dauert weiter an.

Formulierungen wie

„Hunderte mit Holzknüppeln ausgerüstete und mit Masken vermummte Oppositionelle wollten eine Polizeiabsperrung durchbrechen und das Parlamentsgebäude stürmen“ (Spiegel)

suggerieren, dass der Versuch, das Parlamentsgebäude zu stürmen, gescheitert ist.

Diese Formulierung

„Hunderte mit Holzknüppeln ausgerüstete und mit Masken vermummte Oppositionelle wollen zur Stunde eine Polizeiabsperrung durchbrechen und das Parlamentsgebäude stürmen“

wäre zutreffend, weil sie dem Lesenden verdeutlicht, dass die gewaltsamen Proteste andauern.

Nun könnte man einwenden, dass sich ja mal eine fehlerhafte Formulierung hätte einschleichen können. Leider war’s auch so am 11.12.2013, als die Polizei in der Nacht versucht hat, den Euromaidan zu räumen. Morgens lasen sich die Meldungen z.T. so, dass die Polizei den Maiden geräumt hatte. Ein Blick ins Social Web und in diverse Livestreams hätte wiederum gezeigt, dass die Polizei lediglich einen kleinen Teil geräumt hatte. So ist aus den Agenturmeldungen der frühen Morgenstunden in vielen Meldungen eine Maidan-Räumung geworden. Damals hatte ich die Meldungen leider nicht dokumentiert.

Auszüge aus den Nachrichtenmeldungen

Heute habe ich einige Auszüge von ZDF, ARD, FAZ und Spiegel zusammengestellt (Stand ca. 19.30 Uhr). Vom Spiegel-Beitrag habe ich mir um 17.14 Uhr ein PDF generiert und kann die Änderungen zum Stand von 19.30 Uhr dokumentieren. Zum Teil steht unter den Meldungen, dass diese aus Agenturmaterial stammen. Bei den restlichen Meldungen, bei denen dieser Hinweis fehlt, erkennt man durch den Vergleich der Texte, dass es sich ebenfalls um Agenturmaterial handelt.

ZDF mit Quellenangabe: afp, dpa, 19.01.2013, keine Uhrzeit

„Bei neuen Massenprotesten ukrainischer Regierungsgegner hat es in Kiew Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften gegeben. Hunderte mit Holzknüppeln ausgerüstete und mit Masken vermummte Oppositionelle wollten eine Polizeiabsperrung durchbrechen und das Parlamentsgebäude stürmen. Polizisten gingen mit Knüppeln und Tränengas gegen die Demonstranten im Stadtzentrum vor. Mindestens zwei Menschen wurden verletzt.
Klitschko ausgebuht und angegriffen
Gegen Ende der Kundgebungen warfen einige Demonstranten Steine und Molotow-Cocktails auf die Sicherheitskräfte und versuchten, Polizeiabsperrungen zu durchbrechen und Einsatzbusse umzustoßen.Offenbar wollten sie zum Parlament ziehen. Mindestens ein Fahrzeug wurde in Brand gesetzt.“

ARD ohne Quellenangabe, 19.01.2014 16:54 Uhr

„Am Rande einer friedlichen Großkundgebung in Kiew ist es zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Oppositionellen gekommen. Demonstranten versuchten, Polizeifahrzeuge daran zu hindern, eine der Straßen zum Parlament zu blockieren. Mindestens ein Fahrzeug wurde in Brand gesetzt. Dabei griffen sie Beamte mit Stöcken, Steinen und Feuerwerkskörpern an. Die Polizei setzte ihrerseits Schlagstöcke, Blendgranaten und Tränengas ein.
Der Oppositionspolitiker Vitali Klitschko begab sich vom Maidan zum Ort der Rangeleien, der nur etwa 100 Meter entfernt lag, und versuchte, die Demonstranten davon abzuhalten auf die Polizei loszugehen. Er rief die meist jungen Demonstranten zur Ruhe und zu Verhandlungen mit der Polizei auf. Dabei wurde er von Spray aus einem Pulverfeuerlöscher getroffen.“

FAZ ohne Quellenangabe, 19.01.2014, keine Uhrzeit

Nach Massenprotesten gegen die prorussische Führung am Sonntag ist es in Kiew zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Regierungsgegnern und der Polizei gekommen. Hunderte mit Holzknüppeln ausgerüstete und mit Masken vermummte Demonstranten wollten am Sonntag eine Polizeiabsperrung durchbrechen. Sie zündeten Feuerwerkskörper und bewarfen Polizisten mit Steinen. Die Demonstranten versuchten, in das Regierungsviertel vorzudringen und das Parlamentsgebäude zu stürmen. Ein Bus der Polizei ging in Flammen auf und brannte komplett nieder. Die Polizei setzte Blendgranaten und Tränengas ein und fuhr zudem bei tiefen Minustemperaturen einen Wasserwerfer auf.

Spiegel Online mit Quellenangabe jok/dpa/AFP/Reuters, 19.1.2014, 16:43 Uhr

Fassung von 17.14 Uhr: Der Protest in der Ukraine wird immer gewalttätiger, am Sonntag ist es nach neuen Massendemos gegen die Führung in Kiew zu Auseinandersetzungen gekommen. Dabei standen sich Regierungsgegner und die Polizei gegenüber. Hunderte mit Holzknüppeln ausgerüstete und mit Masken vermummte Oppositionelle wollten eine Polizeiabsperrung durchbrechen und das Parlamentsgebäude stürmen.
Der prowestliche Oppositionspolitiker und Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko wurde angegriffen, als er versuchte, die wütende Menge zu beruhigen, wie Medien berichteten. Demnach wurde Klitschko mit einem Feuerlöscher besprüht. Die Polizei setzte Blendgranaten, Tränengas und Wasserwerfer ein – bei Temperaturen von acht Grad minus. Mehr als 20 Angehörige der Sicherheitskräfte verletzt worden, davon vier schwer. Etwa zehn Milizionäre würden im Krankenhaus behandelt, teilte das Innenministerium am Sonntag mit.
Fassung von ca. 19.30 Uhr:  Der Protest in der Ukraine wird immer gewalttätiger […] Die Polizei setzte Blendgranaten, Tränengas und Wasserwerfer ein – bei Temperaturen von acht Grad minus. Mehr als 20 Angehörige der Sicherheitskräfte verletzt worden, davon vier schwer. Etwa zehn Milizionäre würden im Krankenhaus behandelt, teilte das Innenministerium am Sonntag mit.

[Update: 20.01.2014, 07.30 Uhr] Der Radiosender SWR3 berichtet am Morgen, 20.01.2014, 7 Uhr, dass Regierung und Opposition heute miteinander sprechen wollen und dass gestern x Menschen bei den gewaltsamen Protesten verletzt wurden. Kein Wort, dass es in der Nacht, also heute, weiter gewaltsame Proteste gab.

[Update: 20.01.2014, 20:00 Uhr] Spiegel online hat um 19:44 Uhr eine weitere Meldung zu den Unruhen in Kiew veröffentlicht, die aus zusammengeschriebenem Agenturmaterial „fab/AFP/dpa“ besteht. Der Titel lautet „Neue Straßenschlachten in Kiew“. Dieser ist leider unzutreffend, weil die gewaltsame Auseinandersetzung beim Stadion von Dynamo Kiew seit mehr als 24 Stunden andauert. In den frühen Morgenstunden kam es zu weniger Übergriffen von Demonstranten und Polizei, die im Laufe des Vormittags wieder zunahmen und zur Stunde wieder sehr intensiv sind. Unter anderem haben die Demonstranten tagsüber ein Katapult gebaut, mit dem sie ihr Molotowcocktails weiter gen Polizei werfen bzw. schießen können.

 

Euromaidan: Twitter-Liste und Livestreams

Ich wünsche mir Journalisten, die nicht nur Agenturmeldungen kopieren und zusammenschreiben, sondern auch das Social Web nutzen.

 

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