EuroMaidan blockiert Waffenlager in Freiburgs Partnerstadt Lviv

Zwei Männer fahren in einer dunkelgrünen Audi-Limousine auf der Straße entlang, die parallel zur Polizeikaserne verläuft. Das Auto biegt links zum Kasernentor ab. Der Autofahrer hupt. Kurz darauf kommt Slavik, Mitte 50, etwa 1,70 Meter groß, mit Flecktarn-Jacke gekleidet, aus einem olivfarbenen Zelt, das seitlich vor dem Tor aufgebaut ist. Ihm folgt der 16-jährige Roman – schlank, graue Jacke, 1,85 Meter groß. Slavik dreht die rot-weiße Schranke zur Seite, damit das Auto vor das Kasernentor fahren kann, das ein Polizist öffnet.

Kontrolle von ausfahrenden Kfz

Seit fast drei Wochen bewachen rund 20 Frauen, Männer und Jugendliche rund um die Uhr die Barrikade vor einer Polizeikaserne in Lviv (Lemberg), in der sich ein Waffenlager befinden soll. Die Kaserne liegt am südlichen Stadtrand von Freiburgs ukrainischer Partnerstadt. „Zu Beginn haben hier etwa 100 bis 200 Leute das Waffenlager bewacht“, erzählt Slavik. Er gestattet mir, Fotos von der Barrikade zu machen – allerdings möglichst ohne Personen und auf keinen Fall mit Gesichtern. Sie haben Angst vor möglichen Repressionen.

EuroMaidan-Aktivisten kontrollieren einen Sprinter, der das Waffenlager der Polizei in Lviv (Lemberg) verlassen möchte.
EuroMaidan-Aktivisten kontrollieren einen Sprinter, der das Waffenlager der Polizei in Lviv (Lemberg) verlassen möchte.
EuroMaidan-Aktivisten haben eine Barrikade vor einem Waffenlager der Polizei in Lviv (Lemberg) errichtet.
EuroMaidan-Barrikade vor einem Waffenlager der Polizei in Lviv.

In der Woche nach dem 19. Januar 2014, als Polizei und EuroMaidan-Demonstranten auf der Hrushevskoho Straße in Kiew gewaltsam miteinander gekämpft haben, begannen die  Bürger die Ausfahrten der Polizeikasernen in Lviv zu blockieren. So verhindern sie seither, dass Lviver Polizisten und Waffen nach Kiew gelangen oder in Lviv selbst eingesetzt werden.

Plakate appellieren an Polizei

Ein Polizist öffnet das Kasernentor. Ein weißer Sprinter fährt aus der Polizeikaserne heraus. Sofort stürmen Slavik, Roman und zwei weitere EuroMaidan-Aktivisten zum Transporter. Sie öffnen die hinteren Ladetüren und prüfen das Wageninnere. Alles ist in Ordnung. Slavik dreht die rot-weiße Schranke zur Seite, damit der Sprinter wegfahren kann.

EuroMaidan-Aktivisten aus Lviv wärmen sich in diesem Zelt neben dem Kasernentor zum Waffenlager der Polizei auf.
EuroMaidan-Aktivisten aus Lviv wärmen sich in diesem Zelt neben dem Kasernentor zum Waffenlager der Polizei.

„Die Polizei akzeptiert unsere Barrikade und Kontrollen“, sagt Slavik. Es sei ein gutes Miteinander. Wichtig sei, dass keine Waffen oder Munition die Kaserne verlassen. Er zeigt mir Transparente, die sie an verschiedenen Stellen der Barrikade Richtung Kasernengelände aufgehängt haben. So können die Polizisten beispielsweise lesen: „Führt keine Befehle von Verbrechern aus“, „Vater! Unsere Kinder werden Dich fragen, auf welcher Seite bist Du gewesen, als man Menschen verprügelt und getötet hat“ oder „Ihr seid die letzte Stütze von Janukowitsch“.

Wir kommen zu einem kleinen Zelt, indem ein Bild an den EuroMaidan-Aktivist Jurij Werbizkij erinnert. Er wurde während der EuroMaidan-Proteste in Kiew umgebracht und am 22. Januar 2014 in einem Wald nahe der ukrainischen Hauptstadt gefunden.

Die Plakate der EuroMaidan-Demonstranten zeigen zur Polizeikaserne: „Führt keine Befehle von Verbrechern aus“ oder „Vater! Unsere Kinder werden Dich fragen, auf welcher Seite Du gewesen bist, als man Menschen verprügelt und getötet hat.“
Die Plakate der EuroMaidan-Demonstranten zeigen zur Polizeikaserne: „Führt keine Befehle von Verbrechern aus“ oder „Vater! Unsere Kinder werden Dich fragen, auf welcher Seite bist Du gewesen, als man Menschen verprügelt und getötet hat.“
Auf diesem Plakat steht "".
Auf diesem Plakat steht „Ihr seid die letzte Stütze von Janukowitsch“.
Gedenken an den getöteten EuroMaidan-Aktivist Jurij Werbizkij aus Lviv
Gedenken an den getöteten EuroMaidan-Aktivist Jurij Werbizkij aus Lviv

Gedenken an den getöteten EuroMaidan-Aktivist Jurij Werbizkij aus Lviv

Der Lviver Bürgermeister Andrij Sadowyj unterstützt den EuroMaidan-Protest. Er hat sich öffentlich gegen den Kurs des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch gestellt: Sadowyj will die neuen Gesetze nicht umsetzen, die die Bürgerrechte einschränken und die das Parlament inzwischen zum Teil wieder aufgehoben hat. Der Bürgermeister bietet den verletzten EuroMaidan-Aktivisten auch Schutz und sichere Behandlung in Lviv an.

Schnee in Sandsäcken schmilzt

Einige Frauen räumen Reste des Schneematsches weg, der auf der Straße vor der Kaserne und der Barrikade liegt. Vor wenigen Tagen waren es noch minus 15 Grad in Lviv. Inzwischen klettert das Thermometer tagsüber auf plus acht Grad. Der Schnee, mit denen die EuroMaidan-Demonstranten vor dem Waffenlager die Sandsäcke gefüllt haben, schmilzt allmählich. Sie wollen ihre Barrikade nun mit Holz und anderen Gegenständen stabilisieren und verstärken.

Hinweis, wo sich der EuroMaidan-Stab an der Barrikade zum Waffenlager der Polizei in Lviv befindet.
Hinweis, wo sich der EuroMaidan-Stab an der Barrikade zum Waffenlager der Polizei in Lviv befindet.
So sieht's im Inneren des Küchenzelts an der EuroMaidan-Barrikade vor dem Waffenlager der Polizei in Lviv aus.
So sieht’s im Inneren des Küchenzelts an der EuroMaidan-Barrikade vor dem Waffenlager der Polizei in Lviv aus.

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2 Gedanken zu „EuroMaidan blockiert Waffenlager in Freiburgs Partnerstadt Lviv

  1. Warum wird der Platz hier regelmäßig „EuroMaidan“ genannt? Es geht doch nicht um eine verfehlte Währung, sondern um Demokratie. Fragwürdig ist auch die Domain „eu“.

    1. Maidan steht für Platz. Auf dem Maidan Nesaleschnosti, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, hat 2004 die orangene Revolution stattgefunden, die verhindert hat, dass Janukowitsch Präsident wurde.

      Auslöser der aktuellen Proteste war die überraschende Entscheidung von Janukowitsch, dass Assoziierungsabkommen mit der EU nicht zu unterzeichnen. Als die Menschen Ende November 2013 gegen diese Entscheidung auf dem Maidan demonstriert haben, konstruierten sie den Namen Euro-Maidan: Euro für einen Europakurs, Maidan für den Unabhängigkeitsplatz, den Ort ihrer Proteste.

      Doch schon im Laufe des Dezembers 2013 hatte der Name EuroMaidan kaum noch etwas mit den eigentlichen Anliegen der Menschen zu tun. Aus dem Protest für einen Europakurs ist ein Protest gegen die Machthaber der Ukraine und gegen das korrupte System von Polizei, Justiz und einigen Unternehmen geworden.

      Ziel der Menschen sind Reformen, die Demokratie, unabhängige Justiz, klare Struktur und einen besseren Lebensstandard schaffen. Hierbei orientieren sie sich an Europa.

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