EuroMaidan in Lviv: Eindrücke aus Freiburgs ukrainischer Partnerstadt

Brennende Militär- und Polizeigebäude. Menschen schlagen Fenster, Türen und Möbel in den Räumen der Staatsanwaltschaft kaputt. Tausende Bürger treibt es nachts auf die Straßen. So sah es in Lviv (Lemberg) am 18.02.2014 abends aus. Gestern, fünf Tage später: Tausende Kerzen brennen auf dem EuroMaidan im Zentrum von Lviv, von Freiburgs ukrainischer Partnerstadt. Tausende Menschen gedenken der Toten, die der EuroMaidan-Protest bisher gefordert hat. 14 von ihnen kamen aus der Region Lviv.

EuroMaidan in Lviv am 23.02.2014: Tausende Kerzen für die Toten
EuroMaidan in Lviv am 23.02.2014: Tausende Kerzen für die Toten (Foto: Olha)

EuroMaidan in Lviv am 23.02.2014
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Hintergrund: Dienstag, 18.02.2014
Zehntausende Menschen ziehen vom EuroMaidan in Kiew zum nahegelegenen ukrainischen Parlament, zur Rada. Mit dem Protestmarsch wollen sie die Parlamentarier dazu bewegen, endlich eine Rückkehr zur Verfassung von 2004 auf den Weg zu bringen und vor allem zu handeln. Gut zwei Wochen lang hatte sich politisch nichts mehr in der Ukraine bewegt. Die Menschen befürchten, dass Präsident Janukowitsch nach dem Ende der olympischen Spiele in Sochi den EuroMaidan gewaltsam räumen lassen könnte.
Leider gibt es während des Protestmarsches an einigen Stellen Provokationen, auf die die Polizei hart reagiert. An der Seite der Polizei sind Titushki, bezahlte Randalierer, die für die Regierung kämpfen. Nach Straßenschlachten an verschiedenen Stellen versuchen tausende Polizisten am späten Nachmittag, den EuroMaidan zu räumen. Die Demonstranten leisten erbittert Widerstand. Auch in vielen Regionen, darunter Lviv, gehen die Menschen erneut auf die Straßen und machen ihrer Wut Luft.
Mehr: „EuroMaidan: Wut über politischen Stillstand entlädt sich“, Storify-Bericht vom 18.02.2014 mit Bildern, Videos und Hintergrundinformationen.


>> Interaktive Karte von Lviv zeigt alle Gebäude und Plätze dieses Textes


„Wir kämpfen bis sich etwas ändert“

Während sich gestern tausende Menschen auf dem EuroMaidan in Lviv versammelten, waren es dort während meines Besuches vom 07. bis 12.02.2014 meist weniger als 50 Menschen. Sie schauten auf der Leinwand Berichte über den EuroMaidan in Kiew und über die Entwicklungen in anderen Regionen.

„Wir kämpfen bis sich etwas ändert“, sagte mir ein 46-jähriger Mann,  der auf dem EuroMaidan stand. „Wenn wir nicht weiter kämpfen, werden wir bestraft. Wir haben nichts zu verlieren. Und die Toten, die es bisher gab, dürfen nicht umsonst gestorben sein.“

Lemberger reisen nach Kiew

„Ich war schon dreimal auf dem EuroMaidan in Kiew“, erzählte der 51 Jahre alte Bohdan auf einer Tauffeier am Sonntag, 09.02.2014, in Lviv. Er habe bei Kiewern übernachtet. Das sei kein Problem gewesen und üblich.

Der Taufpate Oleh, Anfang 40, klinkte sich ins Gespräch ein: „Ich war zweimal in Kiew, um den Euromaidan zu unterstützen. Dreimal habe ich auch eine Ladung Holz mit meinem Auto zu den Kasernen in Lviv gebracht, die wir blockieren.“ Wenige Tage zuvor waren es noch minus 15 Grad in Lviv. Am Taufsonntag kletterte das Thermometer auf acht Grad.


EuroMaidan in Lviv, 07.-12.02.2014
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„Nie gedacht, dass wir die Polizei schützen“

Über Feuerholz freuen sich die Demonstranten, die das Waffenlager der Polizei im Süden von Lviv blockieren und verhindern, dass sich die Sicherheitskräfte bewaffnen (siehe Bericht und Bilder vom 13.02.2014 hier). Inzwischen bewachen die Demonstranten das Waffenlager vor Kriminellen. „Ich hätte niemals gedacht, dass wir die Polizei schützen werden“, sagte Slavik, 55,  zu Olha, die für mich am gestrigen Sonntagnachmittag in Lviv unterwegs war.

EuroMaidan in Lviv 23.02.2014: Barrikade vor dem Waffenlager der Polizei
EuroMaidan in Lviv, 23.02.2014: Barrikade vor dem Waffenlager der Polizei (Foto: Olha)

Die EuroMaidan-Demonstranten hatten die Polizei in Lviv nach den Ereignissen vom 18.02.2014 entwaffnet. Seither gibt es eine Selbstverteidigung, die für Sicherheit und Ordnung in der Stadt sorgt. Schon kurze Zeit später stellten sich Polizei und Militär aus der Lemberger Region an die Seite der Menschen. Mittlerweile sieht man wieder Polizisten in Lviv, die allerdings nie allein, sondern immer mit den Menschen der Selbstverteidigung unterwegs sind.

Waffenlager schützen

„Wir verhindern, dass Unbefugte an die Waffen kommen“, sagte Slavik gestern. Als ich am 11.02.2014 am Waffenlager war, sollte ich weder ihn noch andere fotografieren, weil sie Angst vor Repressionen hatten. Da sich die Situation nun deutlich verändert hat, soll Olha ihn fotografieren. Das Foto darf ich nun auch veröffentlichen. Er ist mächtig stolz und freut sich, dass ich mich weiter für die Menschen an der Barrikade interessiere.

EuroMaidan in Lviv 23.02.2014: Slavik (rechts) und weitere Menschen schützen das Waffenlager der Polizei
EuroMaidan in Lviv 23.02.2014: Slavik (rechts) und weitere Menschen schützen das Waffenlager der Polizei (Foto: Olha)

Militärkaserne ist ausgebrannt

„Wir stehen hier vielleicht noch zwei Tage“, sagte gestern ein Mann zu Olha. Er steht mit anderen vor einer ausgebrannten Militärkaserne an der Stryjski Straße, bei der es nun nichts mehr zu bewachen gibt.

Militärkaserne ausgebrannt (Foto: Olha)
Militärkaserne ist ausgebrannt (Foto: Olha)

Ausgebrannte Militärkaserne in Lviv am 23.02.2014
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Berkut-Kaserne blockiert

Anders sieht’s an der Berkut-Kaserne aus, die der EuroMaidan weiter blockiert, aber nicht zerstört hat. Berkut bezeichnet eine Spezialeinheit der Polizei. In der Kaserne sollen am 20.02.2014 zwei Mitarbeiter durch eine Explosion ums Leben gekommen sein. Unklar sind die Umstände.


Barrikade vor Berkut-Kaserne in Lviv am 23.02.2014
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[Update: Mehr als 100 Angehörige der Polizeispezialeinheit Berkut aus Lviv sollen am Montagabend, 24.02.2014, 19 Uhr MEZ, auf der Bühne des EuroMaidan in Lviv gewesen sein. Die Lemberger Bürger riefen „Schande“. Selbstverteidigung und Priester mussten die Menschen beruhigen. Das Video zeigt, wie sich die Spezialpolizisten hinkienen (ab Minute 2:29).]


Barrikade vor Regionalverwaltung abgebaut

Vor der Regionalverwaltung in Lviv gibt es nichts mehr zu sehen: Die Barrikade ist weg. „Slava Ukrainy – Es lebe die Ukraine“, hatte mir dort ein vermummter Mann am 11.02.2014 zugerufen. „Heroim slava – Es leben die Helden“, antwortete ich und fragte, ob ich den Barrikaden-Durchgang passieren und Fotos machen dürfe. „Ja, klar“, sagte der Mann im Flecktarnanzug, der zum rechten Sektor* gehört. „Slava Ukrainy – Heroim slava“ ist der Schlachtruf des EuroMaidan.

Die Barrikade vor der Regionalverwaltung ist weg, 23.02.2014. (Foto: Olha)
Die Barrikade vor der Regionalverwaltung ist weg, 23.02.2014. (Foto: Olha)
Barrikade vor der Regionalverwaltung in Lviv, 11.02.2014. (Foto: Marcus Surges)
Barrikade vor der Regionalverwaltung in Lviv, 11.02.2014. (Foto: Marcus Surges)

Revolution der Jugend, die nach der Unabhängigkeit geboren wurde

„Möchten Sie Suschka, warmen Kompott“, fragte mich Wasyl, der Ende 50 ist. Er stand schon fast drei Wochen lang auf dem Platz vor der Regionalverwaltung, den eine Barrikade aus Fahrzeugreifen, Holz, mit Schnee gefüllten Sandsäcken und anderen Dingen umschloss.

„Das ist die Revolution der Jugend, die nach der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 geboren wurde“, so Wasyl. Er unterstütze den EuroMaidan, weil er möchte, dass die jungen Menschen eine gute Zukunft in der Ukraine haben.


Barrikade vor Regionalverwaltung in Lviv am 11.02.2014
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Polizist: „Kein Problem, dass ich hier stehe“

In der Regionalverwaltung ging der Betrieb weiter. Im Foyer saßen links zwei Männer von der EuroMaidan-Security. Der Euromaidan hatte in der Regionalverwaltung einen Bereich für sich blockiert. Rechts im Foyer stand ein Polizist, der die Menschen, die ins Gebäude kamen, nach ihrem Anliegen fragte. Entweder wies er sie zurück oder ließ sie passieren.

„Es ist kein Problem, dass ich hier stehe“, beantwortete der Polizist meine Frage. „Ich komme gut mit den Menschen vom EuroMaidan aus.“ Er hoffte, dass es auch so bleibt. „Wissen Sie, viele Polizisten denken wie die.“

Besetzte Regionalverwaltung in Lviv am 11.02.2014 (Foto: Marcus Surges)
Besetzte Regionalverwaltung in Lviv am 11.02.2014: „Keiner ist verpflichtet, die Befehle auszuführen, die verbrecherisch sind.“ §60 des ukrainischen Grundgesetzes. (Foto: Marcus Surges)

Lviver Bürgermeister gegen Regime

Der Lviver Bürgermeister Andrij Sadowyj unterstützt den EuroMaidan-Protest von Anfang an, also seit Ende November 2013. Er hatte sich im Januar 2014 öffentlich gegen den Kurs des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch gestellt: Sadowyj wollte die Gesetze nicht umsetzen, die die Bürgerrechte einschränken und die speziell auf den EuroMaidan-Protest zugeschnitten waren.

EuroMaidan: Am Rathaus in Lviv hängt eine EU-Fahne (Foto: Marcus Surges, 11.02.2014)
EuroMaidan: Am Rathaus in Lviv hängt eine EU-Fahne (Foto: Marcus Surges, 11.02.2014)

EuroMaidan auf Rathausplatz in Lviv
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Bürger räumen auf

Sadowyj stellt derzeit unter anderem sicher, dass es Verantwortliche in der Stadt gibt, die die EuroMaidan-Selbstverteidigung organisieren. Es gibt mehrere Rufnummern, bei denen sich die Lviver in Notfällen melden können. Sadowyj hatte die Bürger nach der Zerstörung der Staatsanwaltschaft auch aufgerufen, beim Aufräumen zu helfen – auch andernorts (siehe Fotos hier).


Staatsanwaltschaft in Lviv
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Menschen sind entschlossen

Die Menschen, mit denen ich vor gut zwei Wochen in Lviv gesprochen habe, waren entschlossen, solange gegen Janukowitsch zu kämpfen, bis er weg ist und bis sich etwas in der Ukraine verändert.

Zehntausend Menschen aus verschiedenen ukrainischen Regionen haben ihre Entschlossenheit in Kiew demonstriert, als sie vergangene Woche massiv Widerstand gegen tausende Polizisten leisteten und diese am vergangenen Donnerstag, 20.02.2014, regelrecht in die Flucht schlugen.

Diese Entschlossenheit hat rund 80 EuroMaidan-Demonstranten vergangene Woche das Leben gekostet. Die meisten starben am Donnerstag durch Kopfschüsse von Polizei-Scharfschützen.

Am vergangenen Freitag, 21.02.2014, haben zehntausende Menschen einen Kompromiss zwischen Janukowitsch und den drei politischen Oppositionsführern abgelehnt, der ein Ende der Gewalt bringen sollte. Die Menschen wollten lieber weiterkämpfen und erneut Tote in Kauf nehmen, bevor sie Janukowitsch auch nur einen Tag länger ertragen müssen. Auch das zeigte die Entschlossenheit der Menschen.


Hintergrund: Wofür die Menschen kämpfen
Auslöser der aktuellen Proteste war die überraschende Entscheidung von Janukowitsch, dass Assoziierungsabkommen mit der EU nicht zu unterzeichnen. Als die Menschen Ende November 2013 gegen diese Entscheidung auf dem Maidan demonstriert haben, konstruierten sie den Namen Euro-Maidan: Euro für einen Europakurs und Maidan – Platz – für den Unabhängigkeitsplatz, den Ort ihrer Proteste. Dort, auf dem Maidan Nesaleschnosti hatten sie 2004 mit der orangenen Revolution verhindert, dass Janukowitsch Präsident wurde.
Doch schon im Laufe des Dezembers 2013 hatte der Name EuroMaidan kaum noch etwas mit dem ursprüchlichen Protest der Menschen zu tun. Aus dem Protest für einen Europakurs ist ein Protest gegen die Machthaber der Ukraine und gegen das korrupte System von Polizei, Justiz und Unternehmen geworden.
Ziel der Menschen sind nun Reformen, die Demokratie, unabhängige Justiz, starke Wirtschaft und einen besseren Lebensstandard schaffen. Hierbei orientieren sie sich an Europa.

Mittwoch, 19.02.2014
Liveticker der Zeit vom 19.02.2014
Liveticker der Tagesschau vom 19.02.2014

Donnerstag, 20.02.2014
Liveticker der Tagesschau vom 20.02.2014

*Rechter Sektor
Der „rechte Sektor“ wird in den vergangenen Wochen oft im Zusammenhang des EuroMaidan erwähnt, weil er einen Teil der radikalen Demonstranten stellt.

Der Euromaidan ist keine extremistische, sondern eine freiheitliche Massenbewegung„, teilt die Heinrich Böll Stiftung am 20.02.2014 in einem Beitrag mit, den viele Experten und Wissenschalftler unterzeichnet haben:

„Obwohl wir den rechten Aktivitäten auf dem Euromaidan kritisch gegenüberstehen, sind wir besorgt über eine unerfreuliche Erscheinung in zu vielen internationalen Medienberichten über die jüngsten Ereignisse in der Ukraine. In etlichen Reportagen und Kommentaren wird in der einen oder anderen Weise die Rolle, der Stellenwert und der Einfluss ukrainischer Rechtsradikaler in Kiew überbewertet bzw. fehlinterpretiert.“

Marina Weisbrand wurde laut Wikipedia 1987 in Kiew geboren und wuchs dort als Kind einer jüdischen Familie auf. 1994 zog die Familie Weisbrand nach Deutschland. Marina Weisbrand war mehrmals auf dem EuroMaidan in Kiew. Sie ist zurzeit wieder in der ukrainischen Hauptstadt.

Die FAZ hat am 17.02.2014 einen Beitrag mit dem Titel „Der jüdische Kommandant vom Majdan“ veröffentlicht.

 

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