Lviv: Die Ukraine gehört zu Europa

Lviv: Der Krieg in der Ostukraine ist spürbar

In Lviv merkt man auf den ersten Blick kaum etwas von der EuroMaidan-Revolution und dem Krieg in der Ostukraine. Doch sie sind erschreckend präsent im Alltag. Einige Eindrücke von der jüngsten Reise im Vergleich zu früheren Lviv-Reisen.


Die westukrainische Stadt Lviv (Lemberg) ist die Partnerstadt von Freiburg im Breisgau.
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Lviv, Ukraine: Soldaten gehören zum Stadtbild
Lviv, Ukraine: Soldaten gehören zum Stadtbild (Foto: Marcus Surges (03/2016))

Soldaten sind inzwischen Teil des Stadtbilds

Sonntags und an Feiertagen blüht die Lviver Innenstadt traditionell auf: Straßenmusiker sowie Essens- und Getränkestände laden zum Flanieren durch die historische Altstadt ein, die für die Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und in der Ukraine renoviert wurde und seither auch weiterhin verschönert wird.

Im Gegensatz zu früheren Reisen und zur Reise während der EuroMaidan-Revolution im Februar 2014 begegnet man nun regelmäßig Soldaten in Uniform, die mit Kameraden oder ihren Familien am sonntäglichen Treiben teilnehmen.

Doch bei einigen Soldaten fällt auf, dass sie nahezu ohne Regung dem bunten Programm folgen: Sie verziehen keine Miene, während junge Musiker zahlreiche Menschen begeistern. Die Augen dieser Soldaten blicken starr vor sich hin und es scheint, als seien sie zwar physisch anwesend, aber geistig in schrecklichen Kriegserlebnissen gefangen.

Uniformierte Soldaten sieht man auch in Supermärkten, Restaurants oder beim Fußballspiel in der Lviv-Arena, beispielsweise beim Europa-League-Spiel Schachtar Donezk gegen RSC Anderlecht am 10. März 2016, das Donezk mit 3:1 gewonnen hat.

Der Krieg in der Ostukraine ist auch auf dem Lviver Airport präsent: Beim Flug von Lviv nach Warschau waren der kanadische Verteidigungsminister Harjit Sajjan und einige kanadische Soldaten mit an Bord, die von ukrainischen Soldaten zum Flughafen gebracht wurden. Kanada gehört zu den Ländern, die die Ukraine bei der Ausbildung und Reform der Armee unterstützen.

Hilfsaktionen für die Soldaten

Auch Hilfsaktionen für die ukrainische Armee erinnern an das Leid, das viele Menschen aufgrund des Kriegs in der Ostukraine ertragen müssen. So gibt es an Sonn- und Feiertagen auch Verkaufsstände im Zentrum von Lviv, deren Erlös an die Armee geht, oder Aktionen, bei denen Tarnnetze auf einem öffentlichen Platz geknüpft werden. Selbst in Kirchen erinnern Spendenboxen für die Armee an den Krieg.

Auf dem Platz, auf dem das Taras-Schewtschenko-Denkmal in Lviv steht und der der zentrale Platz der EuroMaidan-Proteste in Lemberg war, steht ein olivfarbenes Zelt, in dem Freiwillige Spenden für Soldaten und deren Angehörige sammeln. Taras Schewtschenko war der bedeutendste ukrainische Lyriker, dessen Gedichte bei den beiden Revolutionen rezitiert wurden (2004: Organgene Revolution, 2013/14: EuroMaidan).

Zudem sammeln einige Menschen Kunststoffverschlüsse von Getränkeflaschen, die als Rohstoffe für Prothesen von Soldaten dienen sollen und angeblich an Prothesen-Hersteller gehen. In einer Art Shoppingcenter stehen beispielsweise kleine Sammelboxen für die Plastikverschlüsse. Bis zum Veröffentlichen des Beitrags konnte ich nicht abschließend den Ablauf dieser Sammelaktion klären. Sobald ich weitere Informationen erhalte, werde ich diese aktualisieren.

Krieg ist in Familien spürbar

Zwei Geschäftsleute, die ich schon länger kenne, unterstützen nach eigenen Angaben die Armee: anfangs mit Helmen und schusssicheren Westen, später mit Autos. Sie sagen, dass die Armee letztlich nur durch die Hilfe der vielen Menschen und Geschäftsleute erfolgreich sei. Ihnen zufolge kämpft ein Bekannter, der ebenfalls Geschäftsmann ist, in der Ostukraine und berichtet regelmäßig über die dortige Lage.

Eine Kellnerin, etwa 30 Jahre alt, lebt mit ihren drei Kindern allein, weil ihr Mann seit fast zwei Jahren im Krieg in der Ostukraine ist. Die Entscheidung, sich in der Armee zu engagieren, sei vor allem gefallen, weil den Freiwilligen Wohnungen versprochen wurden, sagt sie. Bislang habe die Familie jedoch keine Wohnung erhalten.

Man muss wissen, dass eine junge Familie häufig noch mit den Eltern der Frau oder des Mannes in einer Wohnung zusammen wohnt. Die Aussicht auf eine eigene Wohnung birgt daher die Hoffnung, unabhängig von den Eltern leben zu können.

Lviv profitiert vom Krieg in der Ostukraine

Der Krieg in der Ostukraine hat laut Berichten mittlerweile rund 9.000 Menschen getötet, 21.000 Menschen verletzt und hunderttausende Menschen vertrieben (siehe Wikipedia, FAZ und Tagesschau). Hinzu kommen noch jene Menschen, die nach der Krim-Annexion durch Russland die ukrainische Halbinsel verlassen haben.

Zahlreiche Menschen sind in die Westukraine geflüchtet, beispielsweise nach Lviv, also weit weg vom Krieg im Osten. Auch Firmen, insbesondere aus der IT-Branche, haben Niederlassungen in Lviv eröffnet. Neue Wohnhochhäuser, Bürogebäude und Baustellen sind die Folge dieser Entwicklung, die auch die Einwohnerzahl von rund 730.000 (März 2015) Richtung eine Million steigen lassen dürfte.

Tourismus boomt in Lviv

Der Tourismus, der vor allem durch die Fußball-EM 2012 in Polen und in der Ukraine einen großen Schritt nach vorne gemacht hat, blüht in Lviv. Das Angebot an Stadtführungen, Restaurants und Cafés sowie die Zahl der Touristen sind in den vergangenen zwei Jahren deutlich gewachsen. Auffällig sind die zahlreichen Kaffeehäuser, die an die längst vergangene Zeit Galiziens erinnern und für eine vielfältige Kaffeekultur sorgen, die es vor fünf Jahren noch nicht gab.

Preise in Lviver Innenstadt sind sehr hoch

Allerdings können sich viele Lviver die Preise in der Innenstadt nicht leisten, die für Touristen und reiche Ukrainer problemlos zu bezahlen sind. So kostet eine Tasse Kaffee im sehr teueren Kaffeehaus am Rathausplatz derzeit rund 1,10 Euro (40 Griwna). In einem ukrainischen Schnellrestaurant gibt’s eine Tasse Kaffee schon für 0,30 Euro, die qualitativ in Ordnung ist.

Eine Armbanduhr, die in Deutschland nur 99 Euro kostet, ist in Lviv nicht nur 23 Euro teurer, sondern kostet auch fast ein durchschnittliches Monatsgehalt in Höhe von 3.800 Griwna (siehe Ukraine-Nachrichten).

Vor allem der Wechselkurs, der sich durch den Krieg in der Ostukraine und die schwierige wirtschaftliche Lage des Landes stark verschlechtert hat, trägt dazu bei, dass die Preise steigen. Aktuell bekommt man für einen Euro 30 Griwna, 2005 waren es nur sieben Griwna und nach der Finanzkrise waren es 2008 rund elf Griwna.

Menschen sind unzufrieden

Die Lebensmittel waren im Februar 2016 im Vergleich zum Vorjahr fast 30 Prozent teurer, die Wohnkosten haben sich verdoppelt und die Gaspreise sind durch den Wegfall von Subventionen fast um das Vierfache gestiegen (siehe Ukraine-Nachrichten).

Doch wichtige Reformen, wie die Bekämpfung der extrem hohen Korruption, bleiben nach Meinung vieler Menschen aus. Das ärgert sie sehr, zumal sie mit der EuroMaidan-Revolution u.a. gegen die Korruption demonstriert haben. Die Politiker, die nun in den Regierungsparteien sind, handelten letztlich so wie das alte Janukowitsch-Regime, lautet einer der Vorwürfe. Vor allem die Macht der Oligarchen verhindere wesentliche Reformen. (siehe Spiegel und Der Standard).

So hat der Präsident und Oligarch Petro Poroschenko bislang nicht sein Schokoladen-Imperium Roshen verkauft, obwohl er das versprochen hatte. Der Roshen-Laden in der Lemberger Innenstadt ist zwar sehr beliebt, allerdings stehen die Menschen Poroschenko kritisch gegenüber, dem sie vorwerfen, auch weiterhin in Russland mit seinen Süßigkeiten Geld zu verdienen.

Das Edem Resort, das in der Nähe von Lviv liegt, erinnert mit seiner kitschigen Innenausstattung und den pompösen Bauten an die Meschyhirja-Residenz, das private Luxus-Anwesen des im Februar 2014 gestürzten Präsidenten Wiktor Janukowytsch. Das Resort gehört der Uzlissja GmbH von Igor Krywetskyj, der Sponsor der rechtspopulistischen Swoboda-Partei ist (siehe RBC, Expres und Lviv-Expres). Direktor der Uzlissja GmbH ist der Swoboda-Abgeordneter Wolodymyr Wysotschanskyj. Der Unterschied zur Meschyhirja -Residenz ist jedoch, dass Teile des Anwesens als Hotel- und Spa-Bereich sowie für Hochzeiten genutzt werden und öffentlich zugänglich sind.

Neues Wir-Gefühl schweißt zusammen

Obwohl die Veränderungen für viele Menschen viel zu langsam vorangehen, sind die meisten noch zuversichtlich. Ihre Hoffnung und Kraft schöpfen sie u.a. aus der „Himmlischen Hundertschaft“ — so werden die rund hundert Menschen bezeichnet, die am 20.02.2014 auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew erschossen wurden. In zahlreichen Orten und Städten in der Westukraine erinnern Tafeln an diese „Himmlische Hundertschaft“.

Viele Menschen verbindet ein Wir-Gefühl, das aus einer Mischung von Patriotismus, EuroMaidan-Revolution und Glaube besteht und neu ist. Allerdings gibt es auch einige Menschen, die dieses Wir-Gefühl mit rechtem Gedankengut und Bandera-Verehrung erweitern (siehe Human Rights in the Ukraine).

Dieses Wir-Gefühl zeigt sich auch bei internationalen Fußballspielen von Schachtar Donezk, die seit dem Krieg in der Ostukraine in der Lviv-Arena spielen, die für die Fußball-EM 2012 gebaut wurde und rund 35.000 Menschen fassen kann. Beim Europa-League-Spiel gegen Anderlecht gab es beispielsweise „Ukraine“-Rufe und Gesänge wie „Wer nicht hüpft, der ist ein Russe“ (Russe bezieht sich auf Russland, nicht auf die russischsprachige Bevölkerung in der (Ost-)Ukraine).

Einige Fans kamen mit Ukraine-Fankleidung, wie man sie von Europa- und Weltmeisterschaften kennt, ins Stadion statt mit Donezk-Fanartikeln. Dennoch haben die fast 24.000 Fans die Donezker Mannschaft im Stadion gut angefeuert und laut Berichten sollen auch Menschen, die an Haltestellen standen, applaudiert haben, als der Mannschaftsbus nach dem Spiel vorbeifuhr. Die Mannschaft von Donezk ist jedoch nicht so beliebt in Lviv, weil sie sich während des EuroMaidan eher neutral verhalten hat und weil sich kaum Spieler bei den Fans bedanken. So haben nur Torwart Andrij Pjatow und Abwehrspieler Olexandr Kutscher — beide spielen in der ukrainischen Nationalmannschaft — nach dem Anderlecht-Spiel eine Stadionrunde gedreht, um den Fans für ihre Unterstützung zu danken.


Fotostrecke zeigt Lviv-Eindrücke 2016


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