Metzger, Bäcker und der digitale Elfenbeinturm

Was haben Metzger, Bäckerinnen, Krankenschwestern, Fahrlehrer und Maler gemeinsam? Erstens sind es allesamt ehrenhafte, wichtige Berufe und zweitens: Das Internet spielt in der konkreten und erfolgreichen Berufsausübung keine oder nur eine stark untergeordnete Rolle. Und es sind nur einige Beispiele, die Aufzählung ließe sich problemlos ausweiten. All diese Berufe haben eine volkswirtschaftlich und gesellschaftlich große Bedeutung, sie tragen wesentlich zur Wertschöpfung einer Volkswirtschaft bei, und das Ganze ganz ohne Web. In Wirklichkeit dürften die Berufe, die ohne Internet ausgeübt werden diejenigen, die ohne Internet nicht oder nur eingeschränkt möglich wären, an Zahl übertreffen.

In der öffentlichen Debatte über digitale Technik, Internet etc. kommen sie aber gar nicht vor. Liest man Beiträge zu dieser Diskussion, entsteht immer wieder der Eindruck, heute sei alles Internet, alles online. Und so kommt es zu einer Überhöhung des Web, die den Blick auf die Realität teilweise verstellt. Laut einer Studie von telegate haben rund die Hälfte der deutschen Handwerksbetriebe keine Website. Der Logik der genannten Debatte folgend dürfte es diese Betriebe gar nicht geben, und wenn, dann nur als vor sich hin krepierende Relikte einer untergehenden Epoche. Spricht man aber mit Inhabern solcher Handwerksbetrieben, dann stellt man fest: Sie leben ganz gut, viele können sich vor Aufträgen nicht retten und ihr einziges großes Problem sind fehlende qualifizierte Mitarbeiter, nicht die fehlende Homepage.

Offenbar gibt es auch im Jahr 2012 noch einen nicht unerheblichen Teil der deutschen Wirtschaft, der analog funktioniert, für den Themen wie Online-Werbung, mobile lokale Suche, Social Media etc. keine Bedeutung haben. Nur: Er kommt in der öffentlichen Debatte nicht vor, denn deren Wortführer sind so sehr damit beschäftigt, in und ums Web zu kreisen, dass sie das, was sie da tagtäglich immer wieder aufs Neue diskutieren, für die Wirklichkeit halten. Keine Frage: Das Web ist wichtiger Bestandteil des modernen Lebens, die Beispiele von Unternehmen, die nur dank und mit dem Internet existieren und Erfolg haben, sind zahllos, und fast täglich werden es mehr. Nur vergessen eben viele dabei, dass es auch noch eine andere Wirklichkeit gibt, beziehungsweise, dass die Wirklichkeit nicht so eindimensional online ist, wie das eigene Leben ihnen suggeriert.

Und was für die Wirtschaft gilt, gilt für die Gesellschaft. Auch wenn die Zahl der Haushalte mit Internetanschluss heute knapp drei Viertel aller deutschen Haushalte ausmacht, auch wenn die Zahl der Menschen, die das Internet einigermaßen regelmäßig nutzen, weiter wächst: Das bedeutet nicht, dass das Internet für die Mehrheit der Menschen in Deutschland der bevorzugte Ort für gesellschaftliche Interaktion wäre. Ganz abgesehen von all den Regionen, in denen DSL ein Fremdwort ist und man froh sein kann, wenn auf dem Smartphone-Display drei von fünf Balken eine halbwegs akzeptable Netzabdeckung anzeigen. Auch in gut versorgten Ballungsregionen sind Vereine etc. der Ort, wo Menschen sich austauschen, gemeinsam Ideen entwickeln, etwas unternehmen, Spaß haben und sich streiten.

Diese Menschen, die beileibe nicht alle 60 Jahre und älter sind, kommen in den politischen Überlegungen mancher gar nicht mehr vor. Und wenn, dann nur als Internetausdrucker, als Menschen also, deren Ansichten nicht wirklich ernst genommen werden müssen, weil sie die Zeichen der Zeit nicht erkennen. Weil sie nicht permanent online sind, weil sie das Internet nutzen, um E-Mails zu schreiben und vielleicht mal ein Bahn-Ticket online zu kaufen, aber nicht, um sich in Blogs schlau zu machen oder an Hangouts teilzunehmen oder am Mumble.

Einige derer, die sich jeden Tag im Internet mit dem Web beschäftigen, kreisen um sich selber bzw. um die anderen, die das Gleiche tun. Und halten das dann für die Wirklichkeit (und jeden, der das anders sieht, für anachronistisch, um es sanft zu formulieren). Mit dieser autistischen Selbstbeschäftigung und -bestätigung unterscheiden sie sich aber nicht von denen, die sie so hart kritisieren, die Berufs- und Parteipolitiker, die angeblich den Kontakt „zum Volk“ (was immer das sein soll) verloren haben.  Auch sie sitzen im Elfenbeinturm, der nicht deswegen schöner ist, weil er digital ist.

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