Tod und Trauer im Internet

Vor einiger Zeit stieß ich auf einen interessanten Artikel: das Drogenreferat der Stadt Frankfurt schaltet einen Online-Friedhof für Avatare frei. Selber nie Gamer gewesen, fand ich diese Idee dennoch faszinierend. Da werden die Spielfiguren so wichtig, dass ein ritueller Abschied angestrebt wird. Ein Bild vom Avatar wird hochgeladen, ein letzter Gruß veröffentlicht und schließlich das reale Leben wieder aufgenommen. Kommentare zeugen von gemeinsam verbrachten Stunden, teilweise zu Lasten echter Beziehungen. Der Abschied von der lieb gewonnenen Spielfigur schafft Raum für Neues; Trauer schwingt in den Zeilen mit, aber auch Dankbarkeit. Irgendwie so, wie im realen Leben. Auch da beginnt nach einer Bestattung das Leben neu. Man hat Anlass, zurückzublicken auf das Leben mit der verlorenen Person. Anlass, nach vorne zu blicken. Wie wird es wohl werden? Wie kann es überhaupt werden?

Mittlerweile sind virtuelles und reales Leben vielfältig miteinander verknüpft, fast jeder ist irgendwie im Internet präsent: Kommunikation läuft über E-Mail, Finanzielles wird per Online-Banking erledigt, Statusmeldungen bei Facebook verraten, was gerade ansteht. Das bedeutet auch neue Handlungsnotwendigkeiten nach dem Tod einer Person. Nicht nur im „wirklichen“ Leben hinterlässt die verstorbene Person eine Lücke, auch ihre Online-Aktivität entfällt. Neben dem realen Nachlass verlangt auch der digitale Nachlass danach, verwaltet zu werden.

Digitales Vermächtnis

Bereits 2009 wurden in einem Spiegel-Artikel Unternehmen vorgestellt, die eine Art Todesfallvorsorge anbieten. Dort hinterlegt man die Daten, die einem weitergebenswert erscheinen und legt ferner fest, wer welche Informationen erhalten soll. Das Wahrnehmen eines solchen Angebots setzt voraus, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Zwar ist der Tod in unserer Umgebung durch Nachrichten, Fernsehsendungen oder das persönliche Umfeld stets präsent; doch Gedanken an das eigene Sterben werden selten formuliert. Eigentlich ist es nicht zu viel verlangt, ein Dokument zu erstellen, dass die wichtigsten Zugangsdaten und Passwörter sammelt, es in regelmäßigen Abständen aus der „Schublade“ zu holen und auf seine Aktualität hin zu überprüfen. Ähnlich einer Liste, wer beispielsweise über einen Umzug oder die Geburt eines Kindes zu informieren ist, könnte man auch eine Liste erstellen, wer auf welchem Wege vom eigenen Tod zu unterrichten ist. Doch demjenigen, der mit beiden Beinen im Leben steht und sich nicht aufgrund von Krankheit oder aus beruflichen Gründen mit dem Thema Sterben und Tod befasst, scheint der eigene Tod unbeschreiblich fern.

Der Tod bei Facebook

Die unterschiedlichen sozialen Netzwerke haben verschiedene Wege gefunden, mit dem Tod ihrer Mitglieder umzugehen: es gibt die Möglichkeit, Profile zu löschen oder, bei facebook, auf Gedenkstatus zu setzen.

Ist der Gedenkstatus die neue Todesanzeige? Früher war diese dazu gedacht, die Zukunft eines Betriebs anzuzeigen, wenn dessen Inhaber verstorben war. So wurden die Leser zum einen über den Tod der betreffenden Person informiert, zum anderen auch darüber, wie es mit dem von ihm geführten Unternehmen nun weiter geht. Nach und nach entwickelte sie sich zum Standard bei einer Bestattung, da so eine breite (regional begrenzte) Öffentlichkeit erreicht werden konnte und kann. So ähnlich funktioniert es dann auch mit dem Gedenkstatus: denn viele von den Kontakten im sozialen Netzwerk kennt man zwar, aber kommuniziert mit ihnen nur selten. Auf welche Weise erfahren also gerade diese „Freunde“ vom Versterben einer Person?

Durch den Gedenkstatus erhalten die bestätigten Freunde die Möglichkeit, ihre Kondolenzwünsche auf der Pinnwand formulieren, Erinnerungen dort festzuhalten und sich mit weiteren Hinterbliebenen auszutauschen. So erhält der Gedenkstatus zum einen den Informationscharakter einer Todesanzeige, darüberhinausgehend bietet er aber auch die Chance, unmittelbar auf die Nachricht zu reagieren und über das gleiche Medium mit anderen Betroffen ohne Zeitverzögerung zu kommunizieren.

Um diesen Gedenkstatus freizuschalten, müssen die Hinterbliebenen selber aktiv werden, indem sie die Todesbescheinigung der betreffenden Person dem Unternehmen facebook digital übermitteln. Auf die eigentliche Gestaltung der Seite haben sie keinen Einfluss mehr.

Weitere Formen des digitalen Gedenkens

Interessanterweise bieten auch immer mehr Zeitungen ihre Traueranzeigen zur Onlinebetrachtung an, oft verbunden mit dem Angebot, virtuell Kerzen zu entzünden und Grüße zu hinterlassen. Die Leistungen der Printanzeige und des sozialen Netzwerkes verbinden sich hier. In diesem Falle haben die Hinterbliebenen eine größere Gestaltungsfreiheit, da sie Text und Umfang der Anzeige selbst formulieren können.

Doch nicht nur auf dem Facebook Profil oder unterhalb der Todesanzeige der Regionalzeitung können Grüße und Kerzen hinterlassen werden. Auf verschiedenen Online-Friedhöfen (bspw. hier oder hier) ist es den Trauernden möglich, eine Gedenkstelle zu errichten, mit der auch Fotos, Videos und weitere Dokumente verknüpft werden können. Auf dieses virtuelle Grab kann von jedem Ort der Welt zugegriffen werden, sofern ein Internetanschluss vorhanden ist. Dem spontanen Bedürfnis, einer verstorbenen Person zu gedenken, kann sehr schnell nachgegeben werden, ohne einen Schritt vor die Tür machen zu müssen. Die örtliche Gebundenheit fällt weg, was unserer mobilen Gesellschaft sehr entgegenkommt. Gleichzeitig bedeutet ein Besuch dieser Grabstelle dann keine Unterbrechung des Alltags mehr. Denn im Internet ist man ohnehin viel unterwegs; ist die virtuelle Grabstelle unter den Favoriten gespeichert, ist man schnell dort. Ein Gang zum Friedhof bedeutet hingegen das Verlassen des Hauses, die Möglichkeit, anderen Menschen zu begegnen, eine Unterbrechung von dem, was man gerade tut. Und es bedeutet immer wieder ein Zurücklassen des Verstorbenen, wenn man den Friedhof wieder verlässt und damit verbunden eine Rückkehr in die alltäglichen Verpflichtungen. In der virtuellen Darstellung steht der Friedhof jederzeit zur Verfügung, was ein Loslassen der verstorbenen Person erschweren kann.

Doch auch die Online-Friedhöfe sind mit Gestaltungsvorgaben verbunden. Wer sich damit aus verschiedenen Gründen nicht abfinden möchte, hat die Möglichkeit, eine private Homepage zu veröffentlichen. Dort ist die Gestaltung weitesgehend frei, der Umfang lediglich durch den Vertrag mit dem Webhost beschränkt. Auch hier ermöglichen Gästebücher ein „In-Kontakt-Treten“ mit den trauernden Hinterbliebenen.

Die genannten Seite sind meist der gesamten virtuellen Öffentlichkeit zugänglich, über die Online-Friedhöfe kann man „spazieren“ und immer wieder Grabmale betrachten. Dabei werden auf diesen Seiten erstaunlich oft sehr intime Informationen preisgegeben, die Bekannte aus dem realen Leben auf direktem Wege vermutlich nur schwer erfahren würden. Auch in der emotionalen Ausnahmesituation Tod und Trauer und in der virtuellen Darstellung der eigenen Gefühlswelt sollte man also auf die eigene Wortwahl und die preisgegebenen Informationen achten, denn das Internet vergisst nicht so schnell.

Und wer wissen will, wie lange er noch Zeit hat, seinen digitalen Nachlass zu ordnen, sei (mit einem Augenzwinkern) auf diese Seite verwiesen: www.deathclock.com

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