EuroMaidan: Barrikade vor der Regionalverwaltung in Lviv, Ukraine. Foto: M. Surges, 02/2014

Ukraine-Russland-Krise: Die religiöse Dimension

„Welche Rolle haben die Kirchen während des EuroMaidan-Protests gespielt?“ Diese Frage hatte ich mir immer wieder gestellt, während ich die Ereignisse in der Ukraine zwischen Dezember 2013 und Mai 2014 sehr intensiv verfolgte. Allerdings habe ich mich erst im Juni 2014 fundiert mit der religiösen Dimension beschäftigt, als mich eine Anfrage von Freiburger Theologie-Studierenden erreichte, ob ich etwas zur Lage der Kirchen in der Ukraine und zum EuroMaidan berichten könne. Der Vortrag, den ich am 8. Juli 2014 im Freiburger Karl-Rahner-Haus gehalten habe, bildet die Basis für diesen Blogpost, den ich um aktuelle und vertiefende Informationen angereichert habe.

Nach unzähligen Stunden Recherche in den vergangenen Wochen komme ich zum Schluss, dass die orthodoxen Kirchen und auch andere Religionen wesentlich zum Umbruch in der Ukraine beigetragen haben und weiter beitragen. Der kirchliche Beitrag bestand und besteht vor allem darin, dass Geistliche an der Seite der Menschen stehen und deren Anliegen nach Reformen mittragen. Das Engagement, vor allem der orthodoxen Kirchen, lässt sich einerseits theologisch erklären: Gott und den Menschen dienen. Andererseits geht es auch darum, welche der drei ukrainisch-orthodoxen Kirchen den Kampf um den Status der Nationalkirche gewinnt und die meisten Gläubigen umfasst.

EuroMaidan: Barrikade vor der Regionalverwaltung in Lviv, Ukraine. Foto: M. Surges, 02/2014
EuroMaidan: Barrikade vor der Regionalverwaltung in Lviv, Ukraine. Foto: M. Surges, 02/2014

Ein ausführliches Resümee gibt es am Ende des Textes. Zuvor möchte ich Fakten zur Ukraine, zur Kirchengeschichte und zur EuroMaidan-Bewegung zusammentragen, um die religiöse Dimension in der Ukraine-Russland-Krise besser verstehen zu können. Der Konflikt umfasst beispielsweise auch folgende Dimensionen, die nicht Gegenstand dieses Beitrags sind:

  • Historische Dimension: Die Ukraine ist erst seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein eigenständiger Staat, seit 1991. In den Jahrhunderten zuvor waren ukrainische Gebiete immer wieder unter fremder Herrschaft: Während die Ostukraine vor allem unter russischem Einfluss stand (östlich des Flusses Dnepr), wurde die Westukraine (westlich des Dnepr) von unterschiedlichen Staaten beeinflusst, u.a. von Polen, Litauen, Österreich-Ungarn. Zwischen 1941 und etwa 1944 standen große Teile der Ukraine unter der Herrschaft der deutschen Nationalsozialisten, die die Rote Armee vertrieb. 1954 gliederte der sowjetische Parteichef Chruschtschow die Halbinsel Krim 1954 an die Ukraine. Der Donbass, ein Steinkohle- und Industriegebiet in der Ostukraine, umfasste während der Sowjetunion einerseits eine Strafkolonie. Andererseits war er eine wichtige Region für den Eisenerzabbau sowie für die Stahl- und Waffenproduktion, auf die das heutige Russland zum Teil angewiesen ist (vgl. Geschichte der Ukraine, Hetmanat und Donezbecken).
  • Nationale Dimension: Die Ukraine hat seit ihrer Unabhängigkeit weder ihre Geschichte ausreichend aufgearbeitet noch ein gemeinsames Nationalgefühl entwickelt. Das spiegelt sich in der jüngsten Revolution wider: Westukrainer feiern Stephan Bandera als Nationalheld, Ostukrainer sehen ihn als Nazi-Kollaborateur (vgl. Die Symbolisierung der ukrainischen Vergangenheit: Stepan Bandera und die UPA, Stephan Bandera, Umstrittener ukrainischer Nationalist Bandera, Ukrainischer Exilant von zweifelhaftem Ruf)
  • Internationale Dimension: Spannungen zwischen Russland und dem Westen, bestehend aus den EU-Staaten und den USA, spielen in der Ukraine-Krise ebenfalls eine Rolle. Beide Seiten – motiviert von Kaltem Krieg-Denken und geopolitischen Interessen – wollen die Ukraine an sich binden: an die EU und Nato bzw. an die Eurasische Union.

Begriff „EuroMaidan“
Bevor ich nun in die Analyse einsteige, möchte ich den schon mehrfach gebrauchten Begriff EuroMaidan erläutern: Er setzt sich aus Euro und Maidan zusammen. Euro steht für Europa, Maidan für Platz. Mit Maidan ist der Unabhängigkeitsplatz in Kiew gemeint (Majdan Nesaleschnosti), auf dem 2004 die Orange Revolution stattgefunden hat. „EuroMaidan“ wurde laut Wikipedia anfangs als Twitter-Hashtag verwendet, dem vor allem internationalen Medien zum Durchbruch verholfen haben.


Inhaltsverzeichnis


Fakten zur Ukraine

Zunächst ist es sinnvoll, einige Fakten zur Ukraine zu kennen, die seit 1991 – nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion – unabhängig ist. Die Ukraine ist nach Russland flächenmäßig das größte Land Europas und fast doppelt so groß wie Deutschland (vgl Deutschland und Ukraine bei Wikipedia). Allerdings hat Deutschland fast doppelt so viele Einwohner wie die Ukraine: Teilen sich hierzulande 226 Einwohner einen Quadratkilometer, sind es in der Ukraine nur 78. Laut einer Volkszählung im Jahr 2001 sind rund 78% der ukrainischen Einwohner Ukrainer, 17% Russen und 0,5% Krimtataren.

In der Ukraine existieren drei ukrainisch-orthodoxe Kirchen:

  • das Moskauer Patriarchat,
  • das Kiewer Patriarchat und
  • die Autokephalen.

Autokephal bedeutet, dass die Kirche eigenständig ist und ihr Oberhaupt selbst bestimmt, ohne dass sich jemand von außen einmischt. Die Autokephalen und das Kiewer Patriarchat — beide Kirchen sind aus Abspaltungen vom Moskauer Patriarchat hervorgegangen — sind nicht kanonisch, d.h. sie werden von anderen Ostkirchen nicht anerkannt. Das Moskauer Patriarchat ist als Teil der russisch-orthodoxen Kirche kanonisch.

Neben den orthodoxen Kirchen gibt es:

  • die griechisch-katholische Kirche, die mit Rom uniert ist und den byzantinischen — den ostkirchlichen — Ritus hat,
  • den Islam sowie
  • kleinere jüdische, römisch-katholische, evangelische und andere religiöse Gruppen in der Ukraine.

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Geschichte des orthodoxen Christentums in der Ukraine

Man kommt nicht an der Geschichte des orthodoxen Christentums in der Ukraine vorbei, wenn man die religiöse Dimension des EuroMaidan-Protests und des Ukraine-Russland-Konflikts verstehen und einordnen möchte.


Geschichte der Orthodoxie in der  Ukraine (Grafik)
Die Grafik zeigt die Geschichte der Orthodoxie in der Ukraine. | Grafik vergrößern

  • 988 n. Chr.: Der Herrscher der Kiewer Rus, Wladimir I. Swjatoslawitsch, lässt sich taufen und bringt das Christentum zu den Kiewer Rus, dem Vorläuferstaat der heutigen Staaten Russland, Ukraine und Weißrussland mit Sitz in Kiew. Die slawische Liturgie wird aus Byzanz (Konstantinopel) übernommen. Bis 1256 gibt es auch Beziehungen zur römisch-katholischen Kirche.
    Rus, lateinisch Russia oder Ruthenia, bezeichnet ein Gebiet in Osteuropa, auf dem früher die Ostslawen beheimatet waren.
    Kiewer Rus (Altrussland) um die Jahrtausendwende. Grafik: Wikipedia
    Kiewer Rus (Altrussland) um die Jahrtausendwende. Grafik: Wikipedia | Grafik vergrößern

    Russische Teilfürstentümer zwischen 1054 und 1132. Grafik: Wikipedia
    Russische Teilfürstentümer zwischen 1054 und 1132. Grafik: SeikoEn, Wikipedia | Grafik vergrößern
  • 1019-1054: Das Christentum fasst unter Fürst Jaroslaw dem Weisen stärker Fuß. Jaroslaw fördert u.a. das Schulwesen und den Kirchenbau, wie den Bau der Sophienkathedrale in Kiew. Er gründet die Bistümer Perejaslav, Rostov und Kiew. Der Patriarch von Konstantinopel bestätigt die Bischöfe von Kiew als Metropoliten (vgl. Lexikon für Theologie und Kirche (LThK), 3. Auflage, 2006: Russland, Jaroslaw und Ukraine).
    Metropolit bezeichnet im frühen Christentum den Oberbischof, der einem Verbund von Bistümern vorsteht und seinen Sitz in der Provinzhauptstadt hat. Das altgriechische Metropolis lässt sich mit Mutterstadt übersetzen.
  • Um 1240: Nach der Invasion der Mongolen und Tataren sowie der Zerstörung Kiews im Jahr 1240 verlagert sich das Machtzentrum der etwa 15 ostslawischen Fürstentümer nach Moskau.
  • 1237-1480: Die Kirche wächst infolge der Zersplitterung durch die Tataren-Mongolen in eine nationale Rolle hinein. Sie wird zum eigentlichen Träger des ostslawisch-orthodoxen Volkstums, u.a. der russischen Literatur (vgl. LThK, 2006: Russland).
  • 1299: Die Metropoliten verlegen ihren Sitz aus dem zerstörten Kiew nach Suzdal und residieren von 1326 an in der Stadt Moskau, die sich als neues Machtzentrum profiliert. Die Metropoliten führen auch in Moskau den Titel „Metropoliten von Kiew und der ganzen Rus“ (vgl. LThK, 2006: Russland).
  • Im 12. Jahrhundert teilen sich die Kiewer Rus auf dem Gebiet der heutigen Ukraine u.a. in die Herzogtümer Kiew, Halitsch (Galizien) und Vladimir (Wolhynien). Bis zur Einnahme Kiews durch die Mongolen 1240 ist ihre Geschichte mit der Russlands identisch. Ab 1240 befindet sich das Gebiet bis ins 20 Jahrhundert fast immer unter fremder Herrschaft.
  • 1393: Der Patriarch von Konstantinopel, Antonios, schreibt an den russischen Großfürsten Wassili I.: „Du sagst: wir haben zwar eine Kirche, Kaiser aber nehmen wir keinen an! Doch das ist nicht in Ordnung. Die heiligen Kaiser nehmen eine bedeutende Stellung in der Kirche ein, denn sie haben von Anfang an auf der ganzen Oikumene das christliche Leben gestützt und erhalten. Die Christen können unmöglich eine Kirche haben ohne einen Kaiser. Beide sind aufs engste miteinander verbunden und können nicht getrennt werden!“ (vgl. Handbuch der Kirchengeschichte (HKG) Bd. 3,2: Patriarchat – Kaiser und Kirche – Mission – Mönchtum, 620). Diese Stellungnahme wird die russische Entwicklung nicht aufhalten.
  • 1436: Der Grieche Isidoros wird zum „Metropolit von Kiew und der ganz Rus“ ernannt, weil er auf dem Konzil von Basel (1434) zu den Unionsbefürwortern zählt. In seiner Eigenschaft als Metropolit leitet Isidoros die russische Delegation auf dem Konzil von Ferrara-Florenz (1438-39) und unterzeichnet die Unionsbulle. 
Kirchenunion meint den Versuch, das Morgenländische Schisma zwischen der orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche zu überwinden, also zwischen Ost- und Westkirche. Als Zeitpunkt für das Schisma wird gerne das Jahr 1054 angegeben, wobei die Trennung zwischen dem lateinischen Westen mit Sitz in Rom und dem griechischen Osten mit Sitz in Byzanz (Konstantinopel) über mehrere Jahrhunderte erfolgt ist (vgl. LThK, 2006: Basel, Isidoros und Russland)
    Regional vorherrschende Religionen (1054). Grafik: Wikipedia
    Regional vorherrschende Religionen (1054). Grafik: Wikipedia | Grafik vergrößern
  • 1441: Der russische Großfürst Wassili II. lässt Isidoros verhaften, als dieser versucht, die Union in Moskau umzusetzen. Wassili II. gilt daher als Retter der Orthodoxie. Er beauftragt die Moskauer Bischofssynode im Jahr 1448, einen Metropoliten zu wählen, ohne die Zustimmung Konstantinopels einzuholen. Die Moskauer Metropolie handelt seitdem als von Konstantinopel unabhängige — autokephale — Kirche. Sie nennt sich seit 1461 „Metropolie von Moskau“.
 „Autokephale Kirchen heißen die administrativ selbständigen Gliedkirchen der Orthodoxen Kirche, die miteinander übereinstimmen in den Fragen des Glaubens, des Kultus und des Kirchenrechts, aber ihr eigenes Haupt haben, d. h. deren leitender Bischof nicht von einem vorgesetzten Bischof ernannt oder bestätigt, sondern von einem Gremium seiner eigenen Kirche gewählt und im allgemeinen von ihm untergebenen Bischöfen geweiht wird.“ (Die Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG), Bd. 1: Autokephale Kirchen, 788).
  • 1453: Nach der Eroberung der Kaiserstadt Konstantinopel durch die Osmanen bauen die Metropoliten von Moskau gemeinsam mit den Moskauer Herrschern ihre Selbstständigkeit aus (HKG, Bd. 5: Moskau, das Dritte Rom, 207). Es entsteht die Vorstellung von Moskau als dem dritten Rom und letztem Hort unverfälschter Orthodoxie (Taschenlexikon Religion und Theologie (TRT) Bd. 4: Orthodoxe Kirchen des Ostens, 64).
  • 1503: Auf der Bischofssynode von 1503 gewinnt die macht-kirchliche gegenüber der asketischen Ausrichtung die Oberhand. Die Kirche ist nun bereit, die Großfürsten zu unterstützen. 1510 war laut LThK die Idee von „Moskau als dem Dritten Rom“ formuliert, in der sich die Gewissheit der Auserwähltheit Moskaus ausdrücke: „Zwei Roms sind gefallen, das dritte besteht, und ein viertes wird es nicht geben“ (LThK, 2006: Russland). Mit den beiden Roms sind Rom und Konstantinopel als Sitz der Ost- und Westkirche gemeint.
  • 1589: Die Metropolie von Moskau wird zum Patriarchat erhoben (= Moskauer Patriarchat, Verbund von Bistümern, an deren Spitze der Patriarch, „Herrscher“, steht). Diesen Schritt muss man vor dem Hintergrund sehen, dass Moskau als drittes und ewiges Rom gesehen wird. Alle östlichen Patriarchen billigen die Errichtung des Moskauer Patriarchats (TRT, Bd. 4: Orthodoxe Kirchen des Ostens, 64).
  • 1596: In den früheren Kiewer Gebieten, die im 14. Jahrhundert an Litauen und Polen gegangen sind, wird 1595/96 versucht, die dortige Orthodoxie — durch die Union von Brest — Rom zu unterstellen. Die Orthodoxie spaltet sich in die Orthodoxen und in die griechisch-katholische Kirche, auch unierte Kirche genannt. Die Griechisch-katholische Kirche behält den byzantinischen Ritus, also die orthodoxe Liturgie. Im Gegensatz zu den orthodoxen Kirchen erkennt die griechisch-katholische Kirche u.a. den Primat, den Vorrang, des Papstes an. Die Orthodoxen bleiben mit Konstantinopel verbunden.
  • 1686: Die ukrainischen Gebiete, die zu Russland gehören, werden dem Moskauer Patriarchat unterstellt. Nach den Teilungen Polens geht das nördliche Gebiet der Ukraine an Russland, in dem die Kirchenunion von Brest aufgehoben wird.

    Die drei Teilungen Polens. Grafik: John Nennbach (Mullerkingdom at de.wikipedia)
    Die drei Teilungen Polens. Grafik: John Nennbach (Mullerkingdom at de.wikipedia) | Grafik vergrößern
  • 1721: Zar Peter I. schafft das Moskauer Patriarchat ab, an dessen Spitze ein Patriarch stand. Als Ersatz errichtet Peter I. den „Heiligen Synod“ als kirchenleitendes Gremium, das eine Art Ministerium ist, in dem der Repräsentant des Kaisers (Oberprokuror) das kirchliche Leben kontrolliert und lenkt. Den Vorsitz des Heiligen Synods führt zwar der Metropolit von Moskau, der jedoch völlig vom Vertreter des Zaren abhängig ist (vg. LThK: Russland; HKG, Bd. 6,2: Die orthodoxe Kirche in Rußland, 358).
  • 1917-1920: Während der weitgehend nationalen Unabhängigkeit der Ukraine entstehen in der orthodoxen Kirche nationalkirchliche Tendenzen, die auf ein autokephales (unabhängiges) ukrainisches Patriarchat zielen. 1917 bildet sich im revolutionären Kiew aus dem Organisationskomitee für ein Allukrainisches Kirchenkonzil der Kirchenrat, der sich allerdings nicht gegen die konservative Hierarchie durchsetzen kann, die an der Verbundenheit mit dem Moskauer Patriarchat festhält. 1918 gewährt Moskau dem wieder in den Rang einer Metropolie erhobenen Kiew Autonomie (Selbstständigkeit), d.h. im Inneren ist die ukrainische Kirche unabhängig, bei der Benennung des Oberhauptes spricht die übergeordnete Kirche mit, also die russisch-orthodoxe Kirche. 1919 ruft eine Kiewer Kirchenversammlung die ukrainisch autokephale orthodoxe Kirche aus. Da kein Bischof sich der Kirche anschließen und den Erzpriester Lipkovskij zum ersten Metropoliten weihen möchte, lassen „die Anhänger des nationalkirchlichen Gedankens [im Jahr 1921] in einer neuerfundenen Zeremonie die Weihe durch Priester und Diakone vollziehen“ (RGG Bd. 6: Ukraine, 1110). Die orthodoxen Kirchen erkennen Lipkovskij und die von ihm geweihten Bischöfe nicht an. Nach dem Bürgerkrieg beendet die Sowjetmacht das Leben der ukrainisch autokephalen Kirche, die später unter deutscher Besatzung wieder erblüht. Vor der Roten Armee flüchten Bischöfe und Gläubige nach Kanada (ab 1943/44, vgl. LThK: Ukraine).
  • 1945/46: Mit der sowjetischen Besatzung der Gebiete, in denen bislang die Ukrainische griechisch-katholische Kirche existierte, beginnt die „gewaltsame Reunion“ (LThK) mit der russisch-orthodoxen Kirche auf der illegalen Synode von Lviv. Obwohl nur zwei ukrainisch-katholische Bischöfe dem Tod in sowjetischen Lagern entkommen, existiert das kirchliche Leben der griechisch-katholischen Kirche im Untergrund weiter (vgl. LThK: Ukraine). 
Die Sowjetunion, in der die Religionsausübung zeitweise verboten war, ist atheistisch: 1920 gehörten laut Wikipedia rund 90% der Russen zur russisch-orthodoxen Kirche, 1940 waren es weniger als 30%. Ab 1943 ließ die Kirchenverfolgung nach. Die Sowjets ließen lediglich die russisch-orthodoxe Kirche zu.
  • 1989: Im Zuge der Perestrojka wird die ukrainisch katholische Kirche wiederzugelassen. Ab 1991 reorganisiert der Papst ihre Hierarchie. Bei der Wiederherstellung der Gemeinden kommt es jedoch zu Auseinandersetzungen mit den orthodoxen Kirchen, bei denen es um die 1946 konfiszierten Kirchengebäude geht (LThK: Ukraine). Die ukrainisch katholische Kirche ist vor allem in der Westukraine stark vertreten.
  • 1990: Die Diözese der russisch-orthodoxen Kirche in der Ukraine erhält vom Moskauer Patriarchen Autonomie mit einem „Metropoliten von Kiew und der ganzen Ukraine“. Sie wird auch ukrainisch orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchat genannt und ist kanonisch anerkannt. Sie ist vor allem in der Ost-, Nord-, Süd- und Zentralukraine verbreitet.
  • 1991: Die ukrainisch autokephale Kirche kommt aus dem kanadischen Exil zurück und ist ähnlich wie die griechisch-katholische Kirche vor allem in der Westukraine verbreitet.
  • 1992: Der Kiewer Metropolit Filaret Denyssenko, der seit 1968 amtiert, wird durch das Moskauer Patriarchat abgesetzt (LThK: Ukraine). Filaret soll eng mit dem damaligen ukrainischen Staatspräsidenten Kravcuk befreundet sein und 1991 versucht haben, in einer ukrainischen Kirche Patriarch zu werden. Nach seiner Absetzung erklärt sich Filaret zum Patriarchen einer ukrainisch-orthodoxen Kirche Kiewer Patriarchats. Sie ist autokephal, aber nicht kanonisch anerkannt. Der ukrainische Staat unterstützt das Kiewer Patriarchat, das vor allem in der West-, Nord- und Zentralukraine verbreitet ist. Filaret wird 1997 vom Moskauer Patriarchat exkommuniziert (vgl. auch: Drei orthodoxe Kirchen in der Ukraine; LThK: Ukraine und Kiew; Religionen in der Ukraine). Auch zwischen den orthodoxen Kirchen kommt es zum Streit um kirchliche Gebäude und vor allem um den Status der Nationalkirche (vgl. Religion und Kirchen in der Ukraine).

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Fakten zur religiösen Stimmung in der Ukraine

Nach der Geschichte des orthodoxen Christentums in der Ukraine ist es nun wichtig, einen Blick auf die religiöse Stimmung in der Ukraine zu werfen. Anders als beispielsweise in Deutschland werden in der Ukraine nur Gemeinden, Bistümer, Klöster usw. offiziell gezählt. Die Zahl der Gläubigen ermitteln Meinungsforschungsinstitute durch Umfragen, zu denen das Razumkov Zentrum, ein NGO-Institut, zählt (vgl. auch orf.at). Die Befragten geben an, ob sie gläubig sind und zu welcher Konfession sie sich zugehörig fühlen.

Bei einer Razumkov-Umfrage im April 2014 bezeichneten sich 76 Prozent der Befragten als gläubig. 2013 waren es 67 Prozent. Den starken Anstieg um 9 Prozent muss man vor dem Hintergrund der dramatischen Ereignisse in der Ukraine im Frühjahr 2014 sehen:

  • Zwischen dem 18. und 20. Februar 2014 starben allein auf und um den Unabhängigkeitsplatz in Kiew mehr als 100 Menschen,
  • der ukrainische Präsident verließ anschließend das Land,
  • Abgeordnete traten aus der Partei der Regionen, aus Janukowitschs Partei, aus,
  • das Parlament bildete eine Übergangsregierung und setzte die Verfassung von 2004 wieder in Kraft,
  • Russland annektierte die Krim.

Die regionale Verteilung der Gläubigen ist ebenfalls interessant: 93 Prozent der Westukrainer bezeichnen sich als gläubig. Von den Ostukrainern sehen sich nur 63 Prozent als gläubig („Ukraine 2014: socio-political conflict and the church“, Seite 23). Im Westen der Ukraine hält sich 1 Prozent der Einwohner für „nicht gläubig“, im Osten sind es 12 und im Süden 14 Prozent.

Es lässt sich festhalten: „Eine überwältigende Mehrheit der Ukrainer bezeichnet sich als gläubig.“ Das schreibt Anatoliy Rachok, der Direktor des Razumkov Zentrums, in der Publikation „Ukraine 2014: socio-political conflict and the church“ (Seite 5). Die Kirche sei zudem die einzige Institution in der Ukraine, die ein positives Image hat, so Rachok weiter. Das Ergebnis spiegelt sich auch in der Antwort wider, dass 74 Prozent der Ukrainer meinen, die Kirche sollte immer an der Seite des Volkes stehen und es vor der Willkür der Mächtigen schützen (Seite 8).

70 Prozent aller Einwohner in der Ukraine fühlen sich laut der Razmkov-Umfrage im April 2014 mit der Orthodoxie verbunden (Seite 23), von denen sich weniger als 25 Prozent dem Moskauer Patriarchat zugehörig fühlen (2013: 27,7 Prozent). Der Anteil der orthodoxen Gläubigen, die sich zum Kiewer Patriarchat bekennen, ist hingegen von rund 26 Prozent im Jahr 2013 auf fast 32 Prozent gestiegen und liegt damit erstmals über der des Moskauer Patriarchats (orf.at: Ukraine: Russisch-orthodoxe Kirche verliert an Einfluss, 22.05.2015). Der größte Teil der orthodoxen Christen, etwa 40 Prozent, bezeichnet sich als „einfach orthodox“ und legt sich somit auf keine der orthodoxen Kirchen speziell fest. Die restlichen 2 Prozent der Orthodox-Gläubigen zählen entweder zu kleineren orthodoxen Gemeinschaften oder haben keine Angaben gemacht.

Deutliche regionale Unterschiede gibt es auch zwischen den orthodoxen Kirchen in den vier Regionen, in die das Razumkov Institut die Ukraine einteilt (Seite 23):

  • Westen: Wolhynien, Transkarpatien, Iwano-Frankiwsk, Lwiw, Riwne, Ternopil, Tschernihiw;
  • Zentrum: Region und Stadt Kiew, Winnyzja, Schytomyr, Kirowohrad, Poltawa, Sumy, Chmelnyzkyj, Tscherkassy, Tschernihiw;
  • Süden: Odessa, Cherson, Mykolajiw;
  • Osten: Dnipropetrowsk, Donezk, Saporischschja, Luhansk, Charkiw
24 Regionen in der Ukraine. Grafik: Sven Teschke (Eigenes Werk), Wikipedia | Grafik vergrößern

In der Westukraine, die unter polnischem oder österreichisch-ungarischem Einfluss lag, bekennen sich im April 2014 rund 36 Prozent der Menschen zur griechisch-katholischen Kirche (Seite 23). Die größte orthodoxe Kirche erreicht laut ORF in der Westukraine nur einen Anteil von 25,4 Prozent. Dennoch bilden die orthodoxen Gläubigen auch im Westen die Mehrheit (ca. 54 Prozent). Die meisten orthodoxen Christen leben in der Zentral-(80 Prozent) und Südukraine (67 Prozent).

Zum Moskauer Patriarchat fühlen sich nach knapp 20 Prozent im Jahr 2013 nur noch 12 Prozent der westukrainischen Orthodoxen im Jahr 2014 zugehörig. Die Zahl derer, die sich in der Westukraine als „einfach orthodox“ bezeichnen, hat sich mit knapp 13,5 Prozent im Vergleich zu 2013 fast verdoppelt.

In der Ostukraine bekennen sich im April 2014 rund 24 Prozent zum Moskauer Patriarchat und 17 Prozent zum Kiewer Patriarchat. Für beide Kirchen ist das laut ORF ein Plus um jeweils mehrere Prozentpunkte. Rund 28 Prozent der ostukrainischen Orthodoxen bezeichnen sich als „einfach orthodox“. Die griechisch-katholische Kirche ist in der Ostukraine laut ORF nicht vertreten.

Mehrere katholische Nachrichtenagenturen (vgl. kathweb.at, kath.ch und die-tagespost.de) berichten Anfang Dezember 2014, dass im Zuge des militärischen Konflikts zahlreiche orthodoxe Pfarrgemeinden sich in der Ukraine vom Moskauer Patriarchat abgewandt haben. Ein Landesgesetz gibt laut Agenturen den Kirchengemeinden das Recht, ihre Konfessionszugehörigkeit per Abstimmung unter den Gläubigen selbst zu ändern – auch gegen den Willen des Pfarrers. Laut dem Kiewer Patriarchen Filaret sollen vor allem Pfarrgemeinden in der westukrainischen Region Riwne zum Kiewer Patriarchat gewechselt haben. Einzelne Übertritte habe es auch in den Regionen Kiew und Dnipropetrowsk sowie in der Südukraine gegeben. „Viele orthodoxe Christen stört laut Medienberichten häufig die Haltung des Moskauer Patriarchen Kyrill I. zum Ukraine-Konflikt. Kyrill I. vermied bislang jede Kritik an der Ukraine-Politik von Russlands Staatspräsident Wladimir Putin und kritisierte stattdessen mehrfach die ukrainische Regierung“, schreibt die Katholische Presseagentur Österreich.

In den jüngsten Russland Analysen, Nr. 289, 30.01.2015 gibt es den Beitrag „Die russisch-orthodoxe Kirche und das Konzept der Russischen Welt“ von Thomas Bremer, Professor für Ostkirchenkunde an der Universität Münster. Bremer zufolge steht die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats vor der Spaltung: „Der größere Teil der Gemeinden identifiziert sich mit der Ukraine und strebt mittelfristig die kirchliche Selbstständigkeit an. Die Folge sind relativ zurückhaltende Äußerungen der Kirchenleitung in dieser Frage; die Führer der ROK [Anmerkung: russisch-orthodoxe Kirche] wissen, dass sie bei einer eindeutigen Positionierung einen großen Anteil ihrer Gläubigen verlieren würden.“ Bremer hatte bereits im April 2014 in einem Gespräch mit dem Deutschlandradio darauf hingewiesen, dass Gläubige des Moskauer Patriarchats auf beiden Seiten der Barrikaden stünden (vgl. Radio Vatikan zur kirchlichen Uneinigkeit der russisch-orthodoxen Kirche zur Krim-Annexion).

Ein weiteres Problem könnte das Moskauer Patriarchat seitens der ukrainischen Politik erfahren: Im Zuge der Kiewer Budgetplanung 2015 sollen laut BBC die Subventionen auf die Grundsteuer der ukrainischen orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats abgeschafft werden.

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Wie Kirche bei der EuroMaidan-Bewegung präsent war

Nach den zahlreichen Informationen wird es Zeit, anschaulich zu zeigen, wo die Kirchen während der EuroMaidan-Bewegung zwischen November 2013 und etwa Februar 2014 standen.

November/Dezember 2013: EuroMaidan beginnt
St. Michaelskloster in Kiew
Einige hundert Studenten demonstrieren friedlich in der Nacht vom 29. auf den 30. November 2013 auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew. Ihr Anliegen: Der ukrainische Präsident Janukowitsch soll das Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnen. Es geht nicht um einen EU-Beitritt! In den frühen Morgenstunden des 30. Novembers räumen Hunderte Polizisten mit brutaler Gewalt den Unabhängigkeitsplatz: Sie prügeln auf Studenten ein und jagen sie in den umliegenden Straßen. In der Nähe des Unabhängigkeitsplatzes liegt das St. Michaelskloster, zu dem etliche Studenten flüchten. Mönche stellen sich der Polizei in den Weg.
In den darauffolgenden Wochen spielt das St. Michaelskloster in Kiew, das zur ukrainisch-orthodoxen Kirche Kiewer Patriarchats gehört, eine zentrale Rolle — als Schlafsaal, Lazarett, Lager für Medikamente, Kleidung etc. Die Glocken des Klosters läuten von da an Alarm, wenn die Polizei versucht, den Maidan zu räumen. (vgl. dw.de: Ukraine: Gespaltenes Land, gespaltene Kirche (14.12.2013); EuroMaidan, EuroMaidan in Kiew: Storify-Live- und Hintergrund-Berichte von dosentelefon.eu).

Demonstranten schlafen im Michaelskloster in Kiew.

Das Michaelskloster wird zum Lazarett im Februar 2014, als die Gewalt zwischen Protestbewegung und Polizei tödlich eskaliert (vgl. Storify-Berichte von dosentelefon.eu und @EuroMaidanGER: EuroMaidan: Wut über politischen Stillstand entlädt sich (18.02.2014), EuroMaidan: Tagsüber Kämpfe, nachts Waffenruhe (19.02.2014), EuroMaidan & Polizei außer Kontrolle (20.02.2014)).

Im Michaelskloster in Kiew lagern u.a. Medikamente.


Unabhängigkeitsplatz in Kiew

Der Unabhängigkeitsplatz in Kiew, auf dem 2004 auch die orangene Revolution stattgefunden hat, ist der zentrale Platz für die Protestbewegung: Dort befinden sich u.a. eine Bühne, Schlafzelte, ein Kirchenzelt usw. Barrikaden sollen den Platz vor der Polizei schützen. Im Dezember 2013 geht es der EuroMaidan-Bewegung nicht mehr um das EU-Assozierungsabkommen: Nach der brutalen Polizeigewalt gegen Studierende am 30. November 2013 und dem Räumungsversuch des Maidans in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 2013 richtet sich der Protest u.a. gegen das Janukowitsch-Regime (vgl. EuroMaidan-Ursachen).

Orthodoxer Priester betet am Abend auf dem Unabhängigkeitsplatz

Kirchenzelt auf dem Unabhängigkeitsplatz

Foto aus der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 2013, als die Polizei versucht, den Unabhängigkeitsplatz zu räumen.

Priester stellt sich Bulldozer in den Weg, damit dieser nicht das EuroMaidan-Camp auf dem Unabhängigkeitsplatz räumen kann.

Der evangelische Pfarrer Ralf Haska, der zurzeit mit seiner Familie in Kiew wirkt, ruft beide Seiten auf, ruhig zu bleiben (siehe auch: „Deutscher Pfarrer in Kiew: „Das war eine gezielte Provokation““ (Spiegel, 19.02.2014) und „Im Talar zwischen den Fronten auf dem Majdan“ (DLF, 18.01.2015).

Priester beten auf der Bühne, die auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew steht.



Januar 2014: Teile des EuroMaidan greifen zur Gewalt

Sonntagnachmittag, 19.1.14, sind wieder Zehntausende Demonstranten auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew. Hunderte unzufriedener Menschen gehen Richtung Parlament. Polizisten versperren den Weg auf der Hrushevskoho Straße vor dem Stadion Dynamo Kiew. Gründe für den Unmut sind u.a., dass es seit Protestbeginn keine Gespräche mit der Regierung Janukowitsch gab und dass vom 22.01.2014 an Gesetze gelten, die vor allem auf den EuroMaidan-Protest zugeschnitten sind. In den darauffolgenden Tagen kommt es zu extremen Straßenschlachten auf der Hrushevskoho Straße (vgl. Live-Berichte von dosentelefon.eu und @EuroMaidanGER). Am Mittwoch, 22.1.14, versucht die Polizei den Platz vor dem Dynamo Stadion zu stürmen. Die Demonstranten flüchten kurz und vertreiben wieder die Polizei. Es gibt die ersten toten Demonstranten. Der Platz vorm Stadion gehört nun zum EuroMaidan-Gebiet.

Die nächsten Bilder zeigen, wie Geistliche auf der Hrushevskoho Straße vor dem Stadion von Dynamo Kiew wirken.

Die EuroMaidan-Demonstranten gedenken der ersten Toten.


Februar 2014: Die Lage eskaliert tödlich

(vgl. Storify-Berichte von dosentelefon.eu und @EuroMaidanGER: EuroMaidan: Wut über politischen Stillstand entlädt sich (18.02.2014), EuroMaidan: Tagsüber Kämpfe, nachts Waffenruhe (19.02.2014), EuroMaidan & Polizei außer Kontrolle (20.02.2014) und Live-Berichte)

Seit der Gewalteskalation im Januar hat sich für die Demonstranten nichts verändert. Politischer Stillstand. Die EuroMaidan-Bewegung beschließt, am 18.02.2014 vors Parlament zu ziehen, um so Druck auf die Abgeordneten auszuüben (Rückkehr zur Verfassung 2004, die die Macht des Präsidenten begrenzt). Tausenden Polizisten stehen tausende Demonstranten gegenüber. Diesmal greift die Polizei durch – mit Schützen auf Dächern etc. Der evangelische Pfarrer Ralf Haska, der in Kiew ist, spricht von gezielter Provokation durch Polizei und Titushki. Titushki sind bezahlte Schläger des Regimes, die friedliche Demonstranten aufmischen sollen, damit die Polizei einen Grund zum Einschreiten hat.

Die Polizei stürmt am 18.02.2014 den Maidan: Sie gewinnt die Hrushevskoho Straße zurück und kontrolliert Teile des Unabhängigkeitsplatzes. Trotz Warnhinweisen, dass die Polizei wegen der neuen Gesetze hart durchgreifen wird, verteidigen Zehntausende Menschen den Unabhängigkeitsplatz mit Steinen, Reifen, Molotowcocktails — und vereinzelt auch Schusswaffen. Am 19.2. wird eine Waffenruhe ausgehandelt. Tagsüber bringen unzählige Menschen Reifen, Wasser, Benzin, trockene Kleidung zum Maidan — Mütter mit ihren Kindern, Behinderte, Rentner.

Welche Seite am 20.02.2014 morgens zuerst schießt, ist bis heute ungeklärt. Die Schüsse an diesem Morgen elektrisieren die Demonstranten: Die Menschen stürmen plötzlich über ihre Barrikaden auf die Polizei zu, die flüchtet. Scharfschützen schießen anschließend auf Demonstranten — gezielt in den Kopf. Auch einige Polizisten werden erschossen. Mehr als 100 Menschen sterben an dem Tag in Kiew. In den ukrainischen Regionen, vor allem im Westen, entwaffnen Demonstranten Polizei und Armee, deren Ausfahrten sie z.T. seit Wochen blockieren.


Der Ukraine-Jahresrückblick 2014 mit Steffen Dobbert, Christoph Lehermayr, Tomasz Michalski und Denis Trubetskoy thematisiert die schlimmen Ereignisse im Februar 2014 in Kiew.


Die nachfolgenden Bilder zeigen einige Szenen am 18. und 19.02.2014 in Kiew: Kinder, Behinderte und Rentner beteiligen sich auch in jenen Stunden, in denen sich die Situation extrem verschärft.

Die nächsten Bilder zeigen Geistliche, vor allem am 20.02.2014.

Priester begleiten die gefangenen Polizisten, während EuroMaidan-Demonstranten die Polizisten vor möglichen Übergriffen schützen.

Priester ringt um Fassung. Im Bild sind zwei tote Demonstranten zu sehen.

Priester bei toten Demonstranten.

Priester in der Empfangshalle des Hotels Ukraine, das am Unabhängigkeitsplatz steht und in dem während der Proteste vor allem Journalisten untergebracht waren. Am 20.02.2014 wurde die Empfangshalle kurzerhand zum Lazarett und zur Leichenhalle.

Ärzte nehmen Abschied von den Toten, die aus der Empfangshalle getragen werden. Sie singen die ukrainische Nationalhymne, die Symbol des EuroMaidan-Proteste ist. Zu jeder vollen Stunden singen die Menschen die ukrainische Nationalhymne.

In den Tagen nach dem 20.02.2014, an dem mehr als 100 Menschen sterben, gedenken die Demonstranten ihrer Toten auf dem Unabhängigkeitsplatz.

Trauzeremonie auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew am 21.02.2014. Zehntausende Menschen nehmen teil.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Priester

  • zwischen Polizei und Demonstranten gestanden und für beide Seiten gebetet haben – vor allem, um Kämpfe zu verhindern,
  • an der Seite der Demonstranten gestanden und sich z.T. ebenfalls mit Helm und Gasmaske geschützt haben,
  • auf dem Unabhängigkeitsplatz zu den Menschen gesprochen und dort regelmäßig Gottesdienste gefeiert haben.
  • z.B. bei Räumungsversuchen des Maidans auf der Bühne gestanden und von dort zur Polizei gesprochen haben.
  • bei den Toten und Trauernden waren.

Das 3-minütige Video zeigt den Einsatz von Priestern während der EuroMaidan-Proteste in Kiew.


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Religionsrat versucht zwischen EuroMaidan und Staat zu vermitteln

Neben dieser praktischen Tätigkeit der Kirchen haben die Religionen bereits sehr früh über den ukrainischen Kirchen- und Religionsrat versucht, zwischen den EuroMaidan-Demonstranten und dem Staat zu vermitteln. Der Religionsrat, in dem etwa 95 Prozent der Glaubensgemeinschaften in der Ukraine vertreten sind, existiert seit 1996 (vgl. risu.org.ua, Religionsrat).

„Am 8. Dezember haben der Ukrainische Kirchenrat und die religiösen Verbände der Ukraine eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht. Sie fordert den Präsidenten auf, das Volk zu hören, nicht zu Gewalt zu greifen und eine Spaltung des Landes zu verhindern. Die Kirchenführer haben alle Seiten zum Dialog aufgefordert, weil dieser der einzige Ausweg aus der Krise sei. In diesen Wochen sind Hunderte von Priestern am Rand der Proteste anwesend; sie beten und hören Beichte. Jeder Tag beginnt mit einem ökumenischen Gebet“, hat Radio Vatikan im Januar 2014 berichtet (vgl. auch: dw.de und Razumkov-Studie, Seite 7).

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Resümee

Nach den Fakten zur Ukraine, einem Abriss der orthodoxen Kirchengeschichte in der Ukraine und dem kirchlichen Engagement während der EuroMaidan-Bewegung zwischen Dezember 2013 und Februar 2014 wird es Zeit für ein Resümee.

Im Winter 2013/14, als die EuroMaidan-Bewegung noch jung war, haben alle Kirchen die EuroMaidan-Bewegung unterstützt und sind für Menschenrechte, bürgerliche Freiheiten und gegen Korruption sowie Willkür eingetreten. Die ukrainisch-orthodoxe Kirche Kiewer Patriarchats und die griechisch-katholische Kirche zählen offiziell zu den Unterstützern der EuroMaidan-Bewegung (vgl. Wikipedia, dw.de, radiovaticana.va). Im Einflussbereich der griechisch-katholischen Kirche, die sehr stark in der Westukraine verankert ist, liegt die Stadt Lwiw (Lemberg) – die Hochburg des EuroMaidan-Protests und die Verbindung zum Westen (vgl. tagesschau.de, nzz.ch, rp-online.de).

Bei der ukrainisch-orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats lässt sich nicht eindeutig sagen, dass sie den EuroMaidan-Protest unterstützt oder abgelehnt hat. Ein Sprecher des Moskauer Patriarchats hatte Mitte Dezember 2013 gegenüber der Deutschen Welle gesagt, dass deren Priester als Bürger an den Protesten teilnehmen dürften, jedoch nicht als Priester (vgl. „Kommentar: Religion im Ukraine-Konflikt„, bpb.de, 02.10.2014).

Orthodoxes und staatliches Oberhaupt stehen sich traditionell nahe
Mehrere Berichte und Experten betonen, dass sich das russisch-orthodoxe Oberhaupt Kyrill „überraschend“ zurückhaltend zu den Entwicklungen in der Ukraine verhält — zumindest in der ersten Jahreshälfte 2014 (vgl. deutschlandradiokultur.de, faz.net, religion.orf.at, radiovaticana.va). Kyrill, der Putin im Wahlkampf unterstützt hat, und der russische Präsident Wladimir Putin stehen sich sehr nah. Diese Nähe wird regelmäßig bei öffentlichen Anlässen sichtbar, beispielsweise bei der Rede an die Nation am 13.12.2014 (vgl. deutschlandfunk.de, faz.net; Hintergrund „Radikalisierung der russischen Orthodoxie“, 20.12.2012: deutschlandradiokultur.de).

Die enge Verbundenheit zwischen orthodoxem Oberhaupt und weltlichem Herrscher ist hingegen nicht überraschend – sie hat Tradition: Staatsoberhaupt und Patriarch legitimieren sich gegenseitig (vgl. heise.de/tp/, zeit.de). Zugleich führt diese Verbundenheit der orthodoxen Kirchen mit ihren jeweiligen Nationen zum Vorwurf des Westens, dass sie in politischen Krisen den eigenen Staat kritiklos unterstützen. Vor allem die orthodoxen Kirchen in Serbien und Russland sind dieser Kritik ausgesetzt (vgl. LThK: Orthodoxe Kirchen). Die enge Verzahnung von Kirchen- und Staatsoberhaupt besteht nicht erst seit 1989/90, seit dem Ende der Sowjetunion. Schon 1393 schreibt Antonios, der Patriarch von Konstantinopel, an den russischen Großfürsten Wassili I.:
„Die Christen können unmöglich eine Kirche haben ohne einen Kaiser. Beide sind aufs engste miteinander verbunden und können nicht getrennt werden!“ (HKG, Bd. 3,2: Patriarchat – Kaiser und Kirche – Mission – Mönchtum, 620).

Nach der Eroberung der Kaiserstadt Konstantinopel durch die Osmanen bauen die Metropoliten von Moskau gemeinsam mit den Moskauer Herrschern ihre Selbstständigkeit aus (ab 1453; HKG, Bd. 5: Moskau, das Dritte Rom, 207). Es entsteht die Vorstellung von Moskau als dem dritten Rom und letztem Hort unverfälschter Orthodoxie (TRT, Bd. 4: Orthodoxe Kirchen des Ostens, 64). Mit der Abschaffung des Moskauer Patriarchats und der Schaffung des kirchenleitenden Gremiums „Heiliger Synod“ durch Zar Peter I. kontrolliert der weltliche Herrscher rund 200 Jahre lang die russisch-orthodoxe Kirche (LThK: Russland; HKG, Bd. 6,2: Die orthodoxe Kirche in Rußland, 358). Die sowjetische Regierung löst den Heiligen Synod 1918 auf, der nicht mit der Verwaltungsbehörde der heutigen russischen orthodoxen Kirche zu verwechseln ist.

Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche steht in der Ukraine auf dem Spiel
Dass sich der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill zeitweise im Ukraine-Konflikt zurückhält, ist einerseits überraschend; andererseits überhaupt nicht überraschend, weil der Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche in der Ukraine auf dem Spiel steht. Das zeigen drei Gründe, die ich im Juli 2014 bei meinem Vortrag vor Freiburger Theologiestudierenden genannt habe:

  1. Der Rückhalt für das Moskauer Patriarchat in der Ukraine schwindet. Im April 2014 bekannten sich erstmals mehr Menschen zum Kiewer Patriarchat. Viel wichtiger erscheint allerdings die Zahl der Orthodoxen, die sich zu keiner Kirche speziell zugehörig fühlen: 40 Prozent! Diese möglichen Gläubigen wären bei kritischen Äußerungen gegenüber der Ukraine vermutlich weitgehend verloren. Hintergrund: Die meisten Eltern taufen ihre Kinder in den ersten Monaten bzw. Jahren nach der Geburt. Die Kinder wachsen zwar in der orthodoxen Kultur auf, sind jedoch später nicht zwangsläufig „aktive“ Gläubige. Das wäre eine mögliche Erklärung, weshalb sich 40 Prozent der Orthodoxen zu keiner Kirche speziell zugehörig fühlt.
  2. Landesweit stehen viele Gläubige zum Nationalstaat Ukraine – auch Gläubige, die sich zum Moskauer Patriarchat bekennen. Darauf hat Ostkirchen-Experte Bremer im März und April 2014 hingewiesen (vgl. radiovaticana.va, deutschlandradiokultur.de). Allerdings konnte man im Frühjahr und Sommer 2014 noch nicht absehen, wie sich die Menschen im Zuge der Anti-Terror-Operation in der Ostukraine verhalten werden. Inzwischen scheint sich abzuzeichnen, dass — trotz Zweifeln an den Kiewer Ereignissen — eine gemeinsame ukrainische Identität entsteht.
  3. Die Kirchen gehen aufeinander zu. Darauf hat Heinz Ohme, Professor für Ostkirchenkunde an der Universität Berlin, im März 2014 hingewiesen: „Das Bemerkenswerte ist, dass auch die zum Moskauer Patriarchat gehörenden Gemeinden keineswegs mehr einen monolithischen Block darstellen, sondern hier hat sich sehr viel getan. Und es gibt auch bei ihrem langjährigen Leiter, dem Metropoliten Wolodimir, da gibt es ein neues Bewusstsein dafür, so was wie eine gesamt-ukrainisch, orthodoxe Kirche zu konstituieren. Die gehen sehr stark aufeinander zu.“ Bremer berichtet in den jüngsten Russland Analysen, 30.01.2015, Nr. 289, dass das Moskauer Patriarchats in der Ukraine vor einer Spaltung steht: „Der größere Teil der Gemeinden identifiziert sich mit der Ukraine und strebt mittelfristig die kirchliche Selbstständigkeit an“ (Seite 8).

Ohne Zurückhaltung des russisch-orthodoxen Patriarchen hätten sich die drei Entwicklungen vermutlich verschärft, die nicht nur einen Macht- und Einflussverlust in der Ukraine bedeuten könnten, sondern schlimmstenfalls auch den Verlust des Kiewer Höhlenklosters. Das Höhlenkloster ist eines der ältesten russisch-orthodoxen Klöster der Kiewer Rus. Es wurde 1051 gegründet, rund 60 Jahre nach der Taufe des Fürsten der Kiewer Rus, Wladimir I, im Dnepr in Kiew. Deshalb sorgte Putins religiöse Begründung für die Krim-Annexion — „Die Krim sei für Russland so heilig wie der Jerusalemer Tempelberg für Muslime und Juden“ — auch bei der ukrainisch-orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchat für Unmut (vgl. radiovaticana.va): Für die orthodoxe Kirche sei nicht die Krim, sondern Wladimir heilig, sagte Sergii Bortnyk vom Moskauer Patriarchat.

Eine kleine Randnotiz an dieser Stelle: Die Menschen in Russland sehen laut einem Umfrageergebnis von November 2014 Putin als moralische Autorität. Es folgen Außenminister Lawrow, Verteidigungsminister Schoigu und der Nationalpopulisten Schirinowski. Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill landet auf dem fünften Platz (vgl. nzz.ch).

Erkennt die russisch-orthodoxe Kirche die ukrainische Unabhängigkeit nicht an?
Brisant erscheint mir auch das Thema Nationalkirche zu sein, das eng mit der oben angesprochenen Verzahnung von kirchlichem und staatlichem Oberhaupt zusammenhängt: Heute gibt es 13 autokephale — eigenständige — orthodoxe Kirchen, von denen neun Nationalkirchen sind; d.h. kirchliche und staatliche Grenzen stimmen überein (vgl. LThK: orthodoxe Kirchen: Liste der Ostkirchen). Bereits 1919 und 1992 gab es in der Ukraine den Versuch, eine autokephale orthodoxe Kirche zu etablieren. Doch weder die Autokephalen noch das Kiewer Patriarchat sind kanonisch anerkannt. Deren Oberhäupter berufen sich gegenüber der russisch-orthodoxen Kirche darauf, dass „die orthodoxe Ekklesiologie die Übereinstimmung der kirchlichen mit den staatlichen Grenzen fordert“. „Die Nichtanerkennung der Autokephalie der orthodoxen Kirche bedeutet in einem unabhängigen Staat, dessen Bürger in der Mehrheit traditionellerweise der Orthodoxie angehören, nach der Überzeugung der beiden Kirchen die indirekte Nichtanerkennung der Unabhängigkeit dieses Staates“, berichtet das Magazin „Ost-West. Europäische Perspektiven“ im Jahr 2002. Nimmt man nun noch die Äußerungen „Brudervolk“ hinzu, die russische Politiker und russisch-orthodoxe Vertreter im aktuellen Konflikt mit der Ukraine verwenden, wird es — mit Blick auf eine mögliche Nichtanerkennung der ukrainischen Unabhängigkeit — noch brisanter.

Ukraine löst sich religiös von russisch-orthodoxer Kirche
Historisch gesehen waren die Kiewer Rus der Vorläuferstaat der heutigen Länder Russland, Weißrussland und Ukraine. Obwohl ukrainische Gebiete über Jahrhunderte unter fremder Herrschaft standen, gab es immer wieder Versuche, einen unabhängigen und eigenständigen Nationalstaat zu gründen (siehe oben). Seit der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 kämpfen die drei orthodoxen Kirchen um Einfluss und den Status der Nationalkirche. Bislang zählte das Moskauer Patriarchat, das zur russisch-orthodoxen Kirche gehört, die meisten Gläubigen in der Ukraine, ohne dort Nationalkirche zu sein. Mit dem EuroMaidan-Protest ab Ende November 2013 und dem Krieg in der Ostukraine ab Spätsommer 2014, bei dem russische Soldaten und Waffen die Separatisten unterstützen, scheint sich der Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche in der Ukraine erheblich zu verringern. Neben dem Versuch der Ukraine, sich nach der orangenen Revolution 2004 erneut politisch von Russland zu lösen, erfolgt derzeit offenbar auch eine religiöse Loslösung, die eng mit dem politischen Reformwillen der Menschen einhergeht.

Zur Erinnerung die wichtigsten der oben genannten religiösen Fakten (April 2014, razumkov.org.ua):

  • drei Viertel der Ukrainer bekennen sich zur Orthodoxie,
  • drei Viertel der orthodoxen Gläubigen meinen, die Kirche sollte immer an der Seite des Volkes stehen und es vor der Willkür der Mächtigen schützen,
  • die Kirche ist die einzige Institution mit positivem Image in der Ukraine.

Eine weitere kleine Randnotiz: Der weißrussische Präsident Lukaschenko scheint sich vermehrt gegen eine mögliche Vereinnahmung seitens der russischen Politik oder russisch-orthodoxen Kirche zu wehren (vgl. zeit.de, news.yahoo.com).

Kann Russland aus Tradition nicht loslassen?
Obwohl ich zu Beginn des Textes die historische und die nationale Dimensionen ausgeklammert habe, sind diese durch die enge Verbindung mit der religiösen Dimension immer wieder deutlich geworden. Aus Sicht des russisch-orthodoxen Patriarchen und des russischen Präsidenten, die beide die gemeinsame Tradition hervorheben, scheint ein eigener politischer und religiöser Kurs der Ukraine unmöglich zu sein bzw. der östlich des Dneprs liegenden Regionen, die jahrhundertelang unter russischem Einfluss standen.

Leider wird der aktuelle Umbruch in der Ukraine — auch von einigen Experten und Politikern — sehr stark vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs betrachtet. Die einen unterstellen, der Westen, allen voran die USA, sei in der Ukraine aktiv. Die anderen sehen in der russischen Außenpolitik eine Wiedererrichtung der Sowjetunion, weil Putin einst deren Zusammenbruch als die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet hat. Die internationale und die geopolitische Dimensionen zwischen Ost und West spielen eine wichtige Rolle im aktuellen bewaffneten Ukraine-Russland-Konflikt. Allerdings könnten die historische und die religiöse Dimensionen die entscheidendere Rolle spielen.

Die eindimensionale Betrachtung des aktuellen Konflikts, dass Ost und West gegeneinander kämpfen, birgt das Risiko, den existierenden Heißen Krieg in der Ostukraine auszuweiten. Sinnvoller erscheint eine Konfliktlösung, die mehrere Dimensionen berücksichtigt und damit der mehrdimensionalen Realität deutlich näher kommt – nicht zu vergessen: bislang sind die Absichten Russlands unbekannt und alle Interpretationen Spekulation. Mit meinen Überlegungen möchte ich keineswegs die Krim-Annexion und Russlands militärisches Engagement im Krieg in der Ostukraine rechtfertigen, sondern auf die Komplexität des Konflikts aufmerksam machen! Unter Umständen führt die oft eindimensionale Betrachtung von Themen zu Problemen, die Deutschland und Europa umtreiben.

Militärische Grenzverschiebung in Europa ist sehr gefährlich
Eine letzte Bemerkung: Die Entwicklung, Grenzen in Europa militärisch zu verschieben, ist gefährlich. Ob im Fall Russland nun

  • politische („fehlende Respektlosigkeit“),
  • wirtschaftliche (Eurasische Zollunion),
  • historische („Krim war schon immer russisch“),
  • religiöse (Kiewer Rus) oder
  • nostalgische Gründe (Sowejtunion 2.0)

zu militärischem Handeln motivieren, rechtfertigt dieses keineswegs. Wie sähe es in Europa aus, wenn andere Staatsoberhäupter ebenfalls so dächten? In Europa herrschte überall Krieg, weil beispielsweise die einen die Habsburger Monarchie, die anderen das Heilige Römische Reich wieder errichten möchten. Nur die Anerkennung der staatlichen Souveränität und der territorialen Integrität ermöglichen ein friedliches Zusammenleben, von dem alle europäischen Staaten profitieren. Interessen- und Meinungsdifferenzen können und müssen diplomatisch gelöst werden. Diese Werte gilt es zu wahren und glaubhaft zu leben, die dann auch anderen Staaten als Vorbild dienen können. Das eine oder andere Handeln des Westens (EU und USA) in den vergangenen Jahrzehnten haben sicherlich diese Ideale beschädigt.

Obwohl mein Beitrag sehr umfangreich ist, hätte ich beispielsweise noch auf

  • das Engagement der Kirchen von März 2013 bis heute, vor allem auf die Rolle der griechisch-katholischen Kirche,
  • die Instrumentalisierung der Religion auf beiden Seiten,
  • die Spannungen zwischen der griechisch-katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche oder
  • die geopolitische Konzeption der „Russischen Welt“,
  • die Fürsorge der russisch-orthodoxen Kirchen für ihre Schwestern und Brüdern außerhalb der Grenzen der Russischen Föderation eingehen können.

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Aktualisierungen

Folgende Aktualisierungen habe ich nach der Veröffentlichung meiner Analyse vorgenommen:

  • Eine Grafik zur Geschichte der Orthodoxie in der Ukraine erstellt und diese unter „Geschichte des orthodoxen Christentums in der Ukraine“ eingebaut.
    Geschichte der Orthodoxie in der  Ukraine (Grafik)
    Die Grafik zeigt die Geschichte der Orthodoxie in der Ukraine. | Grafik vergrößern
  • Im Resümee habe ich zudem den „Kommentar: Religion im Ukraine-Konflikt“ der Bundeszentrale für politische Bildung vom 02.10.2014 als weitere Quelle hinzugefügt, dass sich die russisch-orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats nicht am EuroMaidan-Protest beteiligt hat. Ein Auszug:
    „Während Priester des Kiewer Patriarchats den Demonstranten auf dem Maidan Rückhalt gaben, blieben die Priester des Moskauer Patriarchats ihm fern. […] Die Priester sind es auch, die nach den Ereignissen auf dem Maidan in Erinnerung bleiben, wie sie sich zwischen Demonstranten und Berkut-Einheiten stellten und gemeinsam mit den Demonstranten beteten. Viele Gebete forderten die Gründung einer ukrainischen Landeskirche, denn, so die Gläubigen, ein unabhängiges Volk brauche auch eine unabhängige nationale Kirche. Religion spielt im Leben der Ukrainer oft eine große Rolle. […] Vater Jossif bestreitet Vorwürfe, anti-ukrainisch zu sein. Jeder ihm bekannte Priester sei für eine einheitliche Ukraine. Die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats strebt, so Vater Jossif, ebenfalls ein ukrainisches – von Moskau unabhängiges – Patriarchat an. Dieses Ziel muss jedoch nach kanonischem Recht erreicht werden.“
  • Als Lesetipp möchte ich auf den Beitrag „Der verzerrte Blick des Vatikan auf den russisch-ukrainischen Konflikt: Diplomatie wider Grundsätze des Glaubens?“ hinweisen, der in der Herder Korrespondenz (3/2015, S. 154-156) erschienen ist. Autor ist Myroslav Marynovych (1949), der Vizerektor der Ukrainischen Katholischen Universität Lwiw. Wegen “antisowjetischer Agitation und Propaganda“ wurde er im April 1977 verhaftet und zu sieben Jahren Arbeitslager und fünf Jahren Verbannung verurteilt. Aus dem Vorspann:
    „Der Blick der Vatikan-Diplomaten auf den ukrainisch-russischen Konflikt ist verzerrt. Für sie scheint die ukrainische Kirche nur gespalten, provinziell, naiv, ungeschickt in diplomatischen Finessen. Dagegen hofiert man das Moskauer Patriarchat, um einer merkwürdigen „ökumenischen Korrektheit“ willen, zulasten vor allem der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche. Der ökumenische Dialog darf nicht unter Preisgabe der Wahrheit erfolgen.“

    Hintergrund: Seit etlichen Jahren gibt es Spannungen zwischen der russisch-orthodoxen und der griechisch-katholischen Kirche. So hat der griechisch-katholische Kardinal Lubomyr Husar 2005 seinen Amtssitz von Lviv nach Kiew verlegt. Der damalige russisch-orthodoxe Patriarch Alexij II. hatte Papst Benedikt XVI. gebeten, dass Dekret, das Johannes Paul II. im Dezember 2004 unterzeichnet hat und das den Umzug erlaubt, wieder zurückzunehmen. Benedikt XVI. hat dies jedoch nicht getan. Husars Pressesekretär, Ihor Yatsiv, hatte mir damals erklärt (vgl. Badische Zeitung, 03.12.2005, S. 20), dass in Kiew auch die Oberhäupter anderer Religionen ihren Sitz haben und dass es überall in der Ukraine griechisch-katholische Gläubige gebe, auch im Osten. Diese seien jedoch gezwungen, in russisch-orthodoxe Kirchen zu gehen.
    Da die griechisch-katholische Kirche traditionell in der Westukraine verwurzelt ist, war damals verständlich, dass die russisch-orthodoxe Kirche die Verlegung des Amtssitzes aus der West- in die Zentralukraine als Expansion ansehen wird. Der Vatikan hat sich, soweit es möglich war, zurückgehalten, um den ökumenischen Dialog mit der russisch-orthodoxen Kirche nicht zu gefährden. Diese Zurückhaltung während des EuroMaidan-Protestes und vor allem seit dem Krieg in der Ostukraine kritisiert Marynovych im Beitrag für die Herder Korrespondenz.

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Vielen Dank für die Hilfe — Christina, Ira und Denis!
 

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