Urheberrecht ist scheiße. Warum eigentlich?

Ich gebe es zu: ich bin ein langsamer Mensch, ich brauche Zeit, Dinge zu verstehen. Und immer, wenn ich denke: Jetzt habe ich es verstanden, dann schleicht sich eine zweifelnde Frage in mein Gehirn, die alles in einem neuen Licht erscheinen lässt. Skeptiszismus ist meine Lebenseinstellung. Und ich bewundere Menschen, die immer genau wissen, was richtig ist.

Warum diese Vorrede? Nun, ich weiß immer noch nicht, trotz der intensiven Diskussion in allen Medien in den zurückliegenden Monaten, warum das Urheberrecht so dringend erneuert respektive abgeschafft werden soll. Ich denke immer, wenn wieder ein Statement kommt über die dummen Künstler, die wie Sven Regener wollen, dass, wer ihre Lieder hören, ihre Bücher lesen, ihre Filme sehen will, dafür bezahlen soll, ich denke also, wenn es wieder heißt, dass Regener & Co. ein Rad ab haben, die Zeichen der Zeit nicht verstehen, Büttel der Contentmafia sind, ich denke also, wenn diese Argumente kommen: Wo ist das Problem? Mir gefällt ein Album? Dann kaufe ich es, digital bei einem der Anbieter, die es gibt. Und ich zahle dafür nicht 17,99 wie für eine CD vor vier Jahren, sondern 9,99 Euro oder noch weniger. Das muss drin, denke ich mir, immerhin will ich das Album ja haben. Und wenn meine Kinder das neue Drei ???-Hörspiel hören wollen, kann ich ihnen, nach dem Kauf, ja eine CD davon brennen. Privatkopien sind ja erlaubt, wie auch die Piratenpartei immer wiederholt.

Wo also ist das Problem? Wer Blogposts und Kommentare liest wie die der 101 Piraten für das Urheberrecht, der merkt: Es geht eben doch darum, dass viele vieles wollen, ohne dafür zu bezahlen. Ein Film kommt in den USA in die Kinos, in Deutschland erst drei Monate später, man will ihn aber gleich sehen: Also sucht man im Netz nach einer Raubkopie. Weil man glaubt, das Recht dazu zu haben. Und wer das nicht gut findet, einfach, weil ein Film ein produkt ist, dessen Herstellung viel Geld kostet, das natürlich – gern auch mit einem Surplus – wieder reinkommen soll: Der ist dann eben ein ewiggestriger Vertreter der Contentmafia/Verwertungsindustrie. Und die hat ausgedient, das wissen wir alle spätestens seit Jeff Jarvis es gesagt hat. Oder Anderson. Oder Gunnar Sohn.

Aber ich glaube, man macht es sich zu einfach. Nehmen wir Verlage, Buchverlage. Da gibt es die großen Konzerne, die selbstverständlich auf Gewinn aus sind. Die aber dennoch oft großartige Literatur auf den Markt bringen. Und es stellt sich die Frage, ob es diese großartige Literatur auch ohne diese Verlage geben könnte. Das beantwortet ja keiner, der jetzt beispielsweise auf Verlage einschlägt. Und es gibt ja beileibe nicht nur die Riesenkonzernverlagskraken. Es gibt – noch – zahlreiche tolle, kleine Verlage, die hart kalkulieren und vor allem eins wollen: Gute Bücher an die Leser bringen. Am Samstag gab es auf SWR2 ein Gespräch mit Manfred Metzner, Gründer und Geschäftsführer des Wunderhorn Verlags. Sehr hörenswert, und es zeigt: Das undifferenzierte Gerede von der Verwertungsindustrie, die Künstler und Kunden ausbeutet, um des größtmöglichen Profits willen, es ist in großen Teilen Quatsch.

Natürlich kann heute jeder, der will, sein Buch direkt bei Amazon selbst verlegen, vermarkten und verkaufen. Das ist gut, das ist schön, aber ob es die Künstler wohlhabender macht, als wenn sie es bei einem klassischen Verlag versuchen (selbst, wenn sie dort als Newcomer nicht ganz so günstige Konditionen kriegen wie sagen wir T.C. Boyle, außer sie heißen Julia Schramm und schießen auf das Urheberrecht), das wage ich zu bezweifeln.

In dieser Diskussion ist zu viel Schaum vorm Mund. Und deshalb zweifel ich lieber weiter.

2 Gedanken zu „Urheberrecht ist scheiße. Warum eigentlich?

  1. Das ist nicht mein Thema. Ich habe angeregt, wieder mehr über die konkreten Inhalte der angekündigten Gesetzesnovelle zu debattieren. Also mehr über das Leistungsschutzrecht sprechen als über den Jammer-Chor der Gestern-Branchen. Und da wird sehr schnell klar, wie stark das Ganze von den Zeitungsverlegern dominiert wird, die einfach mehr vom Google-Kuchen abhaben und ihre Position über Abmahnungen absichern wollen.

    1. Hast recht, Gunnar, ich nehm Dich in diesem Zusammenhang wieder raus. Sorry. Beim Leistungsschutzrecht sehe ich das Ganze wie Du, hatte ich hier ja auch mal gepostet. Dennoch: ich steh zu den Dingen, die ich bzgl. Urheberrecht geschrieben habe.

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