Von der Ignoranz deutscher Feuilletonisten

Mich hat die sogenannte Debatte über die „Digitale Demenz“ ja sehr enttäuscht. Nicht, weil alle geschrieben haben, wie schlecht das Buch von Manfred Spitzer ist und wie unredlich seine Argumentation, denn damit haben sie Recht. Sondern, wie sehr sich alle der Diskussion über das verweigert haben, was da eigentlich zum Ausdruck kommt: Die Angst nämlich vor der Digitalisierung und deren Folgen. Die sind ja auch umfassend. Die Digitalisierung lässt uns heute anders Musik hören, Nachrichten konsumieren, miteinander kommunizieren – und sie verändert die Art, wie viele von uns arbeiten (müssen). Das ist für viele Menschen nicht so einfach nachzuvollziehen wie für die, die sich als selbsternannte Elite aufspielen und auf die Doofis runterblicken, die das Internet noch ausdrucken.

E-Book: Inhalt gleicht dem grdruckten
E-Book: Inhalt gleicht dem grdruckten

Auf der anderen Seite gibt es eine Tendenz, digital mit oberflächlich gleichzusetzen und vor allem mit schnellem Gewinn, dem alles geopfert wird, die erschreckend ist. Weil sie zeigt, dass viele Menschen nicht bereit sind, sich auch nur ein bisschen einzulassen auf das, was die Digitalisierung möglich macht. Ein Beispiel, das das besonders deutlich macht, ist das E-Book. Hier wird von vielen das Ende der Kultur, wenn nicht des gesamten Abendlands herbeigeschrieben, was vollkommen lächerlich ist. Zuletzt hat Bettina Schulte von der Badischen Zeitung eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie über Dinge urteilt, von denen sie wenig weiß.

In einem Kommentar zum Ende der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt schreibt sie unter dem Titel „Das Phantom der Messe“: „Die Tradition des Buchs ist im Land der Dichter und Denker stärker verankert als irgendwo sonst.“ Warum, erklärt sie nicht, aber aus dem folgenden kann man herauslesen, dass wir Deutschen eben doch die tieferen Denker, die größeren Kulturmenschen sind als die US-Amerikaner. Denn Schulte schreibt weiter:  „Deshalb ist die Situation mit der Entwicklung in den USA nicht zu vergleichen – bei der schleppenden Akzeptanz des E-Books hierzulande handelt es sich nicht um eine Zeitverzögerung, sondern um einen qualitativen Unterschied. Alle Zeichen sprechen dafür, dass dem Buch, das nicht nur Wegwerfware sein will, sondern Träger von Kultur, eine unbeschwerte Zukunft beschert sein wird.“

Zunächst mal erschließt sich der Sinn dieser Zeilen nicht sofort. Inwiefern handelt es sich bei der Tatsache, dass E-Books in Deutschland noch wenig verbreitet sind, um einen qualitativen Unterschied zu den USA? Und ist ein E-Book eine Wegwerfware? Wenn ja, warum? Anders gesagt: Für Frau Schulte ist ein E-Book kein Träger von Kultur, ein Buch aber schon, egal ob Reclam-Heft für 2 Euro oder Sonderedition auf handgeschöpftem Papier für 200 Euro. Warum? Das sagt Frau Schulte hier nicht, aber ein paar Zeilen später doch: „Wer Lesen künftig noch ernst nehmen und ernsthaft betreiben will, kommt um Entschleunigung nicht herum. Entschleunigung braucht eine netzfreie Zone. Entschleunigung braucht nicht das elektronische Buch, das man gern als Argument für das Reisen mit leichtem Gepäck einsetzt.“ Auch hier sofort eine Frage: Was hat das E-Book mit Beschleunigung zu tun? Liest man schneller, wenn der Text digital vorliegt? Sicher nicht, implizit aber sagt die Autorin: Wer digitale Bücher liest, liest oberflächlich.

Und das eben ist es, was mich abstößt. Diese Ignoranz macht wütend. Was ist der Unterschied zwischen „Die Dämonen“ von Dostojewski als Hardcover, als Taschenbuch, als E-Book oder als ungekürzte Lesung auf dem I-Phone? Eben: Es gibt keinen, es bleiben immer die Dämonen. Das Ausgabemedium verändert nichts am Text. Schund ist Schund, auf Bütten oder eInk. Und Literatur bleibt Literatur. Keine Ahnung, warum das deutsche Feuilleton das nicht begreift, nicht begreifen will.  Und auch noch stolz ist auf sein Nichtverstehen und Nichtwissen.

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