Wir Waldaffen

Es ist faszinierend: Die Digitalisierung, das Internet sind Projektionsfläche und Erklärungskrücke für alles mögliche. Wer die Welt kurz vor dem Zusammenbruch sieht und vor dem Untergang in einem kulturkritischen Essay noch einmal schnell erklären möchte, warum alles zu Ende geht, der findet den Grund in der Digitalisierung. Weil wir Smartphones nutzen, können wir uns nichts mehr merken. Weil wir Google nutzen. eignen wir uns keine Allgemeinbildung mehr an. Weil es Facebook gibt, werden wir alle zu oberflächlichen Exhibitionisten. Und überhaupt könne keiner mehr Texte lesen, die länger seien als zwei Zeilen, und alles werde zu Porno.

Jetzt also hat der Gymnasiallehrer und Publizist Eduard Kaeser in der Neuen Zürcher Zeitung unter dem schönen Titel „Über die Ökologie der Aufmerksamkeit“ seine Gedanken zu den Folgen der Digitalisierung und des Web aufgeschrieben. Das Ganze ist durchaus lesens- und bedenkenswert, aber was auffällt ist doch: Es ist die alte Leier von der Konzentrationsunfähigkeit derer, die das Web nutzen. Und er bringt Caleb Crains Postulat von der groupiness ins Spiel, derzufolge wir Blogs nicht lesen und kommentieren, weil die Inhalte uns wichtig sind, sondern weil wir dabei sein wollen, egal, worum es geht.

Ich finde es ein wenig enervierend, wie viel Zeit intelligente Menschen darauf verwenden, wieder und wieder nachzuweisen, dass wir verdummen und verflachen, weil es das Web gibt. Um im Bild des Essays hier zu blieben: Geschnattert haben wir Waldaffen schon immer. Nur eben früher mit den direkt anwensenden Nachbarn. Und heute können wir es mit der ganzen Welt, zumindest theoretisch. Das ist der Unterschied zwischen heute und gestern: Dass alles, was im Web geschieht, potenziell von Millionen Menschen bemerkt wird, was früher vielleicht ein Dutzend Menschen bemerkten. Ansonsten hat sich nichts geändert: Es gab schon immer Leser und Nicht-Leser, Dummschwätzer und Weise. Und geredet haben Menschen immer, oft geschnattert. Denn das Schnattern hat eine Funktion, wie Kaeser ja selbst zugibt. Wir sind Waldaffen, schon immer gewesen. Jetzt eben digital.

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